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Gedicht des Monats Dezember. Aus: „ Der ewige Brunnen“, Hrg. Ludwig Reiners (empfehlenswert). Es wird das letzte Gedicht einer zweijährigen Serie von Versen über das Wasser und die Seefahrt sein. Wir werden uns demnächst mit dem Wasser in der Malerei auseinandersetzen.

Johann Wolfgang von Goethe: Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es
und wieder zur Erde muss es.
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen, steilen Felswand
der reine Strahl, dann stäubt er lieblich
in Wolkenwellen zum glatten Fels,
und leicht empfangen wallt er verschleiernd, leisrauschend
zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen dem Sturz entgegen,
schäumt er unmutig stufenweise
zum Abgrund.

Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin,
und in dem glatten See weiden ihr Antlitz
alle Gestirne.

Wind ist der Welle lieblicher Buhler:
Wind mischt vom Grunde aus
schäumende Wogen.

Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!