Karlskrona bis Trelleborg

Donnerstag, 18.07., der Himmel ist wieder wolkenlos. Es ist demzufolge warm, aber es weht ein kalter Wind, nicht ganz so heftig wie versprochen. Bis zur Drehbrücke soll die Maschine arbeiten und dann wollen wir weiter sehen; es gibt viele Optionen. Schon auf dem Wege dorthin nimmt der Wind langsam und beständig zu. An der Brücke messe ich 5 Bft. aus West. Das ist keine gute Aussicht. Also entscheiden wir uns für Göholm. Im Hafenhandbuch steht zwar, dass sich das Anlaufen nicht lohnt, aber da sind wir anderer Ansicht. Vorerst muss die Maschine nochmals hart ran, aber dann geht es halbwinds in eine nach Süden offene Bucht, an deren Ende der Hafen liegt. Doch zuvor müssen wir höllisch auf die kleinen Klippen achten, die von den Wellen überspült, tückisch und gefährlich aussehen. Göholm ist ein alter, aber jetzt kaum noch genutzter Fischerhafen. Man liegt an Heckbojen zwischen den einheimischen Booten. Es gibt nur Strom und Wasser, kein Klo und keine Dusche – auch keinen Hafenmeister. Das Hafengeld, so der Hinweis auf einem Schild, sollte doch bitte als 5-Euro- oder 50-Kronen-Schein in eine Stahlkassette gesteckt werden, die sich an der einzigen Laterne im Hafen befindet. Dafür wird man mit viel Natur entschädigt. Wir folgen einem markierten Wanderweg zum westlichen Seite der Halbinsel. In der menschenleeren Natur beobachten wir eine Schar Graugänse, die sich auf einer Lichtung dicht am Wasser befinden und das frische, saftige Gras zupfen. Sie lassen sich von uns nicht stören. Doch eine hat uns fest im Blick und schaut unentwegt zu uns hinüber. Doch sie scheint keine Gefahr zu vermuten. Die anderen rupfen in aller Ruhe weiter, blicken nicht auf und verlassen sich voll und ganz auf ihre „wachhabende" Artgenossin. Wer teilt wen zum Wachen ein? Und wer löst sie ab, damit sie sich auch sattessen kann? Wer bestimmt die Zeit und die Abläufe? Fasziniert beobachte ich diese Tiere. Ich kann keine Hierarchien erkennen und doch muss die Ordnung so gut sein, dass sich alle darauf verlassen. Einfach toll!

Freitag, der 32. Tag an Bord. Laut Wetterbericht dürften wir den Hafen nicht verlassen. Draußen soll es angeblich toben. Doch weder nach Osten noch nach Westen sind Schaumkronen oder Zeichen eines nahenden Unwetters erkennbar. Also legen wir ab, die Küste ist und bleibt in unserer Nähe, eine geschützte Ecke immer in kurzer Zeit erreichbar. Es ist schön warm, aber bewölkt. Nur der Westwind behindert unser Fortkommen, wir müssen nämlich wieder gegen an. Am Mittag bezieht sich der Himmel und der Wind dreht erfreulicherweise auf NW. So wird es doch noch ein schöner Segeltag und wir erreichen Hällevik in angemessener Zeit. Dieses Mal laufen wir den südlichen Teil des Hafens an. Dort liegen überwiegend private Schiffe, „aber für 8 m ist immer Platz". Es bildet sich ein deutlich ausgeprägter Halo und die Möwen sitzen dicht gedrängt auf der Hafenmole. Das bedeutet nichts Gutes! Es dauert auch nicht lange, da springt der Wind auf Ost und legt schnell auf 6 Bft. zu. Das Vertrauen in den Wetterbericht zahlt sich nicht aus. Es ist jetzt recht unruhig in der von uns gewählten Hafenecke. Zum Glück beruhigt sich das Wetter gegen Abend und die befürchteten Niederschläge bleiben aus. Es gibt Räucherfisch zum Abendbrot, frischer geht es nicht; die Räucherei liegt direkt vor uns. Danach genießen wir die wiederhergestellte Ruhe bei guter Musik und tanzen sogar an Bord. Was man auf 8 m alles machen kann.

Sonnabend, 20.07. Der Wetterbericht stimmt schon wieder nicht – oder wir befinden uns nicht dort, wo das angesagte Wetter sich befindet. Statt der nordöstlichen Winde weht es aus West und dazu auch noch weniger stark. Dennoch können wir hoch am Wind segeln. Mittags dreht der Wind auf Nord-West. Doch kaum haben wir den Blister gesetzt und richtig Fahrt aufgenommen, wird er schwächer und schwächer. Schließlich schläft er ein, um etwas später aus Süd wieder zu erwachen. Ich habe keine Lust mehr zum Segeln! Wir führen eine Diskussion über die Ökonomie des Segelns. Ich habe ein Ziel, dass ich in angemessener Zeit erreichen will. Renate hat Wind und braucht deshalb nicht mit dem Motor zu fahren. Irgendwann starte ich die Maschine, schließe die Selbststeueranlage an und genieße die schöne Sommersonne. Sie ist der einzig verlässliche Part in den ständig falschen Prognosen. Am Spätnachmittag laufen wir in Simrishamn ein, zu spät zum Schoppen und zum Kaffee trinken. Nur die ICA, der Lebensmittel-Supermarkt hat noch offen. Wenigstens etwas.

Sonntag, 21.07., im wahren Wortsinn ein sonniger Tag. Mit Freude bereiten wir uns auf den nächsten Schlag vor. Am Mittwoch wollen, d.h. müssen wir in Gislövsläge sein. René hatte angerufen und gefragt, ob er die letzten Tage mit uns Segeln kann. Bis Berlin möchte er an Bord bleiben – aber spätestens am 3. August, seinem Geburtstag, wieder in Bern sein. Das ließe sich machen, sagte ich ihm, aber, da die Hochdruckwetterlage langsam und allmählich zusammenbricht, müsse er unbedingt am Mittwoch, den 24.07. abends in Trelleborg sein. Für uns sind das zwei Etappen: Kåseberga oder Abbekås und Gislövsläge. Je nach dem erst den längeren Schlag nach Abbekås (30 sm) und dann den kürzeren von 16 sm nach Gislövsläge oder umgekehrt. Der Wetterbericht verspricht einen Ostwind von 3 Bft. Da lohnt es sich doch, den Spi-Sack aus der Kiste zu holen. Froh gelaunt legen wir ab. Also, so richtiger Ostwind ist das ja nicht, mehr Süd-West als Ost. Aber zum Segeln reicht das allemal. Mit Vollzeug schaffen wir gute 5 kn. Doch die Freude währt nicht lange. Ab Brantevig müssten wir 190° laufen, aber es sind nicht einmal mehr 180° möglich. Wir entfernen uns immer mehr von der Küste.

Bornholm wäre jetzt ein machbares Ziel, aber das passt überhaupt nicht in unsere Planung. Langsam nehmen Wind und Welle zu. Mit einem Kreuzschlag versuchen wir dicht unter Land zu kommen, um dem zunehmenden Seegang zu entgehen. Doch je weiter wir südwärts kommen, desto weniger Landschutz haben wir. Wir Reffen das Groß und rollen die Genua zur Hälfte ein. Das kostet natürlich Höhe. Ich schätze, dass die Wellenberge jetzt einen Meter erreicht haben und der Wind scheint auch nicht weniger zu werden. Bis zum Leuchtfeuer Sandhammaren sind es noch 4 sm. Bei diesen Verhältnissen brauchen wir bestimmt zwei Stunden - und dann wird es nicht besser. Der Wind kommt nur von der anderen Seite. Abbekås ist unter diesen Umständen nicht zu erreichen und Kåseberga? Wenn der Wind weiter so weht und davon müssen wir ausgehen, auch wenn kein Wölkchen den Himmel trübt, wird auch die Wellenhöhe zunehmen. Wir müssten bei auflandigem Wind durch die Brandungswellen vor Kåseberga. Die Einfahrt ist schon bei mittlerem Wind problematisch und jetzt haben wir inzwischen ganz sicher 6 Bft. Das ist mir alles zu riskant, zumal ich keine Alternative habe. Wir drehen kurzentschlossen um und segeln – jetzt mit rauschender Fahrt – nach Skillinge zurück. Noch andere haben die gleiche Entscheidung getroffen. Immer mehr Fahrzeuge streben der Hafeneinfahrt zu. Es ist nicht einfach, einen passablen Liegeplatz zu bekommen. Hier, an Land, wirkt nur noch die Sonne. Es ist warm und nahezu windstill. Wir gehen Baden – Gott sei Dank nicht im übertragenen Sinne.

peer gynt 2013 07Der Montag erstrahlt im schönsten Blau. Das Wetter ist eine Entschädigung des gestrigen Tages. Jetzt weht der für Sonntag versprochene Wind. Also kein Zeit vertrödeln und raus auf den Parcours. Heute brauchen wir bis Sandhammaren 90 Minuten. Dann kommt der Blister zu seinem Einsatz. Leider schwächelt der Wind etwas und dreht komplett auf Ost. Wir tauschen in Höhe von Kåseberga den Blister gegen den Spi und genießen das Segelvergnügen. Ystad bleibt an Steuer-bord, wir holen das wieder auf, was wir gestern nicht geschafft haben. Schon um 15.00 Uhr ist Abbekås erreicht. Ich war noch nie in diesem Hafen und bin überrascht über die nahezu perfekten Liegemöglichkeiten. Nur das Sanitärgebäude erinnert mehr an einen Autobahnrastplatz. Die zwei Duschen und Toiletten befinden sich in einem holzverkleideten Container. Innen herrscht der Charme eines Joghurtbechers. Aber alles ist sauber und in Ordnung.

Gegen Abend frischt der Wind auf 5 bis 6 Bft. auf und im Hafen entsteht ein unangenehmer Schwell. Wir können nur hoffen, dass der Wind vor uns müde wird und einschläft.

Dienstag, der 23.07., der 36. Tag an Bord und höchstwahrscheinlich der letzte zu zweit. Bis Gislövsläge sind es nur noch 18 sm und ein Unwetter ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, es ist ausgesprochen schwachwindig. Dennoch reicht es, um mit der Genua und dem Groß die Trio 80 auf knapp 3 kn zu beschleunigen. Da das Wetter wieder ausgesprochen sommerlich ist, genießen wir die sonnige Wärme und die Ruhe an Bord. Wir sind so zeitig in Gislövsläge, dass noch ein ausgedehnter Spaziergang am endlosen Strand möglich ist. Später besorgen wir uns Fahrkarten für den Bus in das 6 km entfernte Trelleborg. René hatte sich inzwischen gemeldet und mitgeteilt, dass er sein Ticket besorgt und seinen Seesack gepackt habe. Er werde vermutlich am Mittwoch gegen 17.00 Uhr mit der Fähre eintreffen.

peer gynt 2013 0824.07.2013: Wir nutzen die Wartezeit um das Schiff von einem Duo in ein Trio umzuwandeln. Das ist nicht so einfach, weil wir bislang schon jeden Winkel genutzt hatten. Aber wenn wir René samt seinem Gepäck das Vorschiff überlassen und uns mit dem Salon begnügen wird es wohl gehen. Mittags machen wir uns auf, ihn abzuholen, zeitig genug, um noch einmal durch die Stadt zu schlendern. Am Fährterminal gibt es Interessantes zu beobachten. Schweden, immer noch in der Prohibition, musste seinen Markt öffnen und die Einfuhrbestimmungen der EU anpassen. Die Folge ist, dass die Schweden aus EU-Staaten jetzt alkoholische Getränke und Spirituosen in tödlicher Dosis einführen können. Nun befördern die Fähren nicht mehr Laster (LKW) sondern Sackkarren, auf denen sich das Laster befindet. Auf dem Parkplatz des Terminals stehen entsprechend große PKW, zu Teil auch mit Anhänger. Bei vier Personen mit Sparticket zu etwa 20,- € lohnt sich auch schon eine längere Anreise. Und auf einem dieser Schnapsfrachter trifft dann auch René aus Travemünde ein. Er ist nun 22 Stunden unterwegs und entsprechend müde. Ob er ausschlafen kann entscheidet der Wettergott. Wir müssen am Donnerstag nach Rügen. Laut Wetterbericht bricht die Hochdruckzone zusammen und eine Kaltfront von England und ein Gewittertief aus Frankreich kommen auf uns zu. Nun will ich mich doch nicht darauf verlassen, dass der Wetterbericht nie stimmt. Jedenfalls wird der Wecker früh klingeln.

Peter und Renate

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