Mit der Hanse 370 von Greifswald über Stralsund, Klintholm, Rødvig nach Køge und wieder zurück nach Greifswald.

Besatzung: außer mir Andi Matthey, Mario Steinberger und Peter Schupp

Fr., 17.05.13 Greifswald - Stralsund 27 sm, 5:30 Std.

Früh verlassen wir, Andi und ich, Berlin. Nach einer schnellen Fahrt nach Greifswald finden wir die. Hanse 370 „Sanibel II" übernahmebereit in der Box. Wenig später fliegen Mario und Pit ein. Wir kennen das Schiff, also fällt die Einweisung knapp aus. Routiniert wird das Gepäck verstaut, vor allem „Marios mobiler Mittagstisch". Um 12.30 legen wir ab und passieren Klock 13.00 Uhr die Klappbrücke in Wieck. Um 13.20 stehen die Segel und treiben das Schiff mit 7 kn Richtung Strelasund. Zum Aufkreuzen haben wir zu viel Segelfläche, also müssen wir Reffen. Mit einigen Kreuzschlägen erreichen wir noch rechtzeitig die Öffnung der Ziegelgrabenbrücke.

pr fahrten 2013 01Stralsund ist noch leer, so dass wir keine Mühe haben, Platz für unsere 11,20 m zu bekommen. Wir versuchen's mal „römisch-katholisch" und finden das bei den niedrigen Schwimmstegen ganz praktikabel. Nach der Kür kommt nun die Pflicht in der Plicht, Marios Ouvertüre. Den Abend beschließen wir in der alten Hafenkneipe bei einem? Störtebeker-Bier. Wir besprechen die nächsten Tage. Wenn alles gut läuft, wollen wir in den Øresund, auf der schwedischen Seite bis Helsingborg und auf der dänischen wieder zurück. Doch schon der Abendhimmel über Stralsund signalisiert, dass wir flexibel sein sollten.

Sa., 18.05.13 Stralsund - Klintholm 48 sm, 7:40 Std.

Um sechs klingelt der Wecker, das Duschen fällt aus. Dennoch wird es acht Uhr bis wir ablegen können. Ein milder Ostwind treibt uns Richtung Ostsee. Das Reff ist nicht mehr nötig. Pit und Andi betreiben Körperertüchtigung beim Ausreffen, Mario darf sich, nachdem er wieder einmal ein feudales Frühstück zelebriert hat, am Ruder ausruhen. Ja und ich trage natülich wieder am meisten, nämlich die Verantwortung. 90 Minuten später liegt Barhöft querab. Wir haben kräftigen Gegenstrom, so dauert es bis 10.30 Uhr, bis die Ansteuerungstonne Gellenstrom erreicht ist. Nun kommt diepr fahrten 2013 02 Nagelprobe: reichen Windstärke und –richtung aus, um zumindest Skanör zu erreichen? Derzeit weht es mit etwa 3 Bft. aus ENE. Die Geschwindigkeit beträgt 4,5 kn. Das ist zu wenig. Außerdem kann die erforderliche Höhe nicht erzielt werden. Das bedeutet mindestens einige Kreuzschläge. So entscheide ich, dass wir im Uhrzeigersinn runden, also erst die dänische Seite und zurück bei den Schweden. Ich setze den Kurs auf Klintholm ab .

Die Entscheidung erweist sich als richtig. Später nimmt der Wind beständig zu, so dass wieder gerefft werden muss. Ich habe mir extra für diesen Törn einen einteiligen Segelanzug in weiß und grau gekauft, der sich nun auch bewährt. Aber die Crew lästert und spottet, bezeichnet mich als Malergesellen. Weiteren Attaken beuge ich mit der Androhung von Arbeitsdiensten vor. Mittags verbreitet der Deutsche Wetterdienst eine Böenwarnung mit Böen von 8 Bft aus SE-E, die aber zum Glück erst eintrifft, als das Schiff sicher vertäut im erstaunlich leeren Hafen liegt. Klintholm ist wieder dänisch. Die Kommune Vordingborg hat den Hafen übernommen. Nun sind die morschen Stegbretter ersetzt, die Steckdosen haben Euro-Standart und das Sanitärgebäude ist sauber und schick. Nur die Sauna gibt es nicht mehr. Für uns kein Verlust. Marion möchte Cocktails servieren, hat aber kein Eis. Dies sei Aufgabe des verantwortlichen Schiffsführers, meint er. So mache ich mich auf den Weg zum Havnekro und erbitte einige Eiswürfel. Die Menschen sind hier freundlich und hilfsbereit. Ich schleppe einen Eisberg mit aufs Schiff, den wir dann mit den Wackersteinen am Hafen zerkleinern. Vor allem Andi als Gebirgsmensch kann mit den kleinen Felsen umgehen und macht Eismehl.

So., 19.05.13 Klintholm - Rødvig 25 sm, 6:00 Std.

Nachts hat es kräftig geregnet. Das hat aber die Angler nicht davon abgehalten, sich bei beginnender Morgendämmerung lautstark zu unterhalten. Den Grund sehen wir später. Es gibt keinen Sonnenaufgang. Die Welt ist in ein undurchsichtiges Grau gehüllt. Beim Kaffeekochen ist das Gas alle. Doch zum Glück hat der Spar-Laden auch am Pfingstsonntag geöffnet. So können wir auch gleich den Sonntagskuchen mitnehmen. Das ist das einzige, was Mario noch nicht kann macht, zum Kaffee eine Torte zu backen. Nach einem soliden und etwas längerem Frühstück schimmert es hellblau durch den Nebel. Ich vertraue der Tendenz. Wir legen ab. pr fahrten 2013 03Doch schon bei Busene, dem Leuchtturm bei Møns Klint ist nichts mehr zu sehen, auch der Leuchtturm nicht. Da wir uns außerhalb einer Schiffsroute befinden, die Fähren fahren viel weiter östlich um Møn herum, navigieren wir uns mit Kartenplotter und GPS-Handy weiter Richtung Øresund. Es ist nahezu windstill, so dass die Maschine mit gedrosselter Fahrt uns vorwärts bringt. Die Heizung ist an, es ist das einzige, was uns erwärmt. Die Wetterprognosen sind auch nicht erwärmend. Es bleibt kalt und regnerisch und zur Wochenmitte soll es auch noch windig werden. Gegen Mittag müssen wir den Ulfsund querab haben. Es wird langsam Zeit, dass die Sonne den Hochnebel auflöst. pr fahrten 2013 04Ohne Sicht Rødvig anzulaufen, nur mit Hilfe des Kartenplotters, ist nicht erstrebenswert. Doch Petrus hat unser Flehen erhöht. Gegen 15.00 Uhr, wenige Meilen vor dem Hafen, reißt die Nebeldecke auf und der Nebel lichtet sich. Wir finden ein passables Plätzchen an der Kaimauer. Am Spätnachmittag laufen zwei Segelschiffe der dänischen Marine ein. Ich eile zur Flagge, um diese zu dippen. Doch leider wird das nicht bemerkt. Die Mannschaft ist zwar nach alter Tradition angetreten und „steht Seite", aber nicht am Ehrenbug sondern an Backbord und schaut von da aufs Meer, „dem sie glücklich entronnen" sind. Kurz darauf läuft das zweite Schiff ein. Hier steht die Mannschaft zwar der Tradition gemäß an Steuerbord, reagiert aber dennoch nicht auf unsere Ehrerbietung. Ist ja auch mühsam, zum Besanmast zu eilen und die Nationale niederzuholen. Abends um 22.00 Uhr liegen beide Schiffe einträchtig nebeneinander und die Kriegsflaggen hängen immer noch schlaff am Mast. Ja, die Bequemlichkeit ist der Tradition größter Feind.

Mo., 20.05.13 Rødvig - Køge 22 sm, 4:00 Std.

pr fahrten 2013 05Wenn die Mannschaft nach Kopenhagen möchte – und das wollten sie eigentlich, - sollten sie lieber den Zug von Rødvig benutzen. Um sechs Uhr habe ich die Hafeneinfahrt kaum erkennen können, so dicht war der Nebel; und dazu spiegelglatte See. So werden wir Helsingborg nicht erreichen können. Doch schon beim wieder fürstlichen Frühstück wird es heller. Ich streiche wegen der schlechten Sicht pr fahrten 2013 06Kopenhagen und entscheide mich für Køge. Von dort aus fährt die S-Bahn in die Hauptstadt. Und nach Køge geht es immer am Ufer entlang. Keine Berufsschifffahrt. Um 11.00 Uhr legen wir ab, Die Marine ist schon längst fort. In Sichtweite der Steilküste motoren wir in die Køgebucht. Und dann taucht doch ein Frachter an Backbord aus dem Dunst auf. Er kommt aus dem Kalksteinbruch nördlich von Rødvig. Aber wir haben ihn – auch dank des Ausgucks rechtzeitig gesehen. Wir haben ohnehin Wegerecht, doch er ist schnell genug, um in sicherer Entfernung unseren Kurs zu kreuzen.

Es ist nicht so einfach, in Køge einen Liegeplatz zu bekommen. Nach längerer Suche finden wir einen, aber keine frei Steckdose dazu. Also schalten wir unseren Doppelstecker zwischen eine bestückte und das Problem ist gelöst. Leider nicht. Unser Stegnachbar, ein sehr netter Einheimischer, macht uns darauf aufmerksam, dass dieses eine private? Steckdose sei und der Besitzer sehr pingelich. Aber er erklärt uns auch die Lösung des Problems. Wir müssten uns eine Hafenkarte kaufen. Also ziehen wir wieder los, um den Automaten zu überreden, uns so etwas gegen Kreditkarte auszuhändigen. Aber der Automat lässt sich nicht darauf ein. Er besteht darauf, dass die Hafenkarte nur in Verbindung mit dem Hafengeld zu bekommen sei. Aber das Hafengeld haben wir pflichtgemäß schon kurz nach dem Einlaufen entrichtet. Es bleibt nichts anderes übrig, als es noch ein Mal zu bezahlen. Mal sehen was der Hafenmeister morgen dazu sagt. Heute, am Pfingstmontag ist natürlich das Hafenamt nicht besetzt. Ist ja auch kein Spar-Laden wie in Klintholm. Nun nachdem alles gerichtet und seine Ordnung hat, ist es Zeit für einen Cocktail. Doch leider ist unser Eisberg aus eben genannten Klintholm geschmolzen. So gehen wir wieder auf die andere Hafenseite. Inzwischen bin ich heute wohl mehr gelaufen als gefahren. Dort tobt das feiertägliche Leben. Sogar die Strandbar hat geöffnet. Ich versuche dem Barkeeper auf Dänisch zu erklären, was ich möchte. Doch er schaut mich irritiert an. Darauf zeigt Mario auf sein Knie, sagt „accident" und „ice". Dabei deutet er an wie geschwollen das Bein ist. Im Nu haben wir eine ganze Einkaufstüte besten Cocktail-Eises und den tröstenden Nachsatz: „Gute Besserung!"

Di., 21.05.13 Køge – Klintholm 45 sm, 8:20 Std.

Die Mannschaft will nicht mit der S-Bahn nach Kopenhagen. Wir streichen auch Helsingborg sonder entscheiden uns für den Rückweg, nicht zuletzt nach dem Abhören des Wetterberichts. Das Wetter wird sich nicht ändern, im Gegenteil, es wird noch schlechter! Zudem sind für die zweite Wochenhälfte stürmische Winde angesagt. Die Sicht ist mies, die Prognosen sind mies und die Aussichten, unser zu viel gezahltes Hafengeld erstattet zu bekommen, auch. Doch das ist ein Irrtum. Unser deadline liegt bei 10.00 Uhr. Im Hafenamt zeigt man sich sehr freundlich. Und selbstverständlich wird die zweite pr fahrten 2013 07„Parkgebühr" anstandslos in bar ausgezahlt. Na, wenn sich alle Probleme so lösen, wird das noch ein guter Tag. Doch das ist leider nicht so. Nebelfelder, Nieselregen, weniger als eine Meile Sicht, Windstille. Wir lassen die Segel wo sie sind und vertagen das Segeln auf morgen. Ein Vergnügen ist das nicht. Die Sicht wird zeitweise sehr schlecht. Zudem dreht der Wind auf SW und wird stärker. Der Kartenplotter führt uns um die Kreidefelsen von Møn. Hier verlassen wir den Windschatten und bemerken nun, dass der Wind heftig zugelegt hat. Dadurch ist der Nebel nahezu verschwunden, aber die See ist ausgesprochen grob. Vor der Hafeneinfahrt steht eine beträchtliche Grundsee, über die wir mit gehöriger Fahrt hinweg gehen. Kaum im schützenden Hafen, türmt einer der Fender. Mario fährt ein vorbildliches Mensch Fender-über-Bord-Manöver, um ihn wieder an Bord zu holen. Der Anleger mit Seitenwind gelingt nicht weniger gut. Dafür darf er sich am Herd entspannen. Die Schiffssicherheits-Verordnung verhindert, dass ich mich heute, wie an den anderen Tagen, an der Backschaft beteilige, ich muss nämlich Logbuch schreiben.

Dem abendlichen Treiben setze ich ein frühes und vor allem alkoholfreies Ende. Es steht zu befürchten, dass morgen Böses auf uns zukommt, deshalb möchte ich sehr früh auslaufen.

Mi., 22.05.13 Klintholm - Stralsund 48 sm, 10:10 Std.

pr fahrten 2013 08Kurz vor vier Uhr werde ich wach. Es ist Wind und die Sicht ist ausreichend. Ich wecke die Mannschaft. Nach Katzenwäsche und wasserdichter Verpackung legen wir um 5.00 Uhr ab. Es ist hell genug. Wegen der Böen binden wir früh das 1. Reff ein. Dadurch läuft das Schiff ruhiger, aber nicht wesentlich langsamer. Zum Teil läuft die Hanse 7 kn. Leider ist der Sollkurs von 140° kaum zu halten. Wegen der zunehmenden See fällt die Geschwindigkeit auf knapp 5 kn. Das Zeitfenster ist sehr eng. Der DWD sagt ab Mittag eine starke Regenfront mit viel Niederschlag und starken Böen aus West voraus. Über der Deutschen Bucht toben Unwetter. Doch solange der Wind nicht auf West dreht, haben wir noch Ruhe (... vor dem Sturm). Um 08.00 Uhr binden wir das 2. Reff ein. Dieses Mal ist das schon ein Kraftakt. Die Lifeleine behindert die Beweglichkeit und die kalten Finger den sicheren Griff. Kurz vor 12.00 Uhr erreichen wir die Ansteuerung des Gellenstroms. Nun kann nicht mehr viel passieren. Doch die kommenden drei Stunden bis Stralsund sind anstrengend und feucht. Die Ruhe im windgeschützten Hafen lässt die Müdigkeit vergehen. Wir suchen alle trockenen Klamotten, duschen und schauen mal, was Stralsund zu bieten hat. Eine ganze Menge! Zumeist Flüssiges. Nach dem Abendmenü von Mario wollen die jungen Leute erneut los. Das ist mir zu viel, meine Leber hat ja schließlich schon dreißig Jahre Vorsprung. Also „open end", Ablegen morgen 12.00 Uhr!

Do., 23.05.13 Stralsund - Greifswald 27 sm, 4:10 Std.

pr fahrten 2013 09Die jungen Leute gehören nicht zu den Frühaufstehern. Also verschieben wir das Frühstück, dehnen es aus, weil es das letzte auf diesem Törn ist, legen um 12.00 Uhr ab. Eine letzte Einweisung des amtierenden Steuermanns, dann stellen wir uns vor der Ziegelgrabenbrücke an. Nachdem wir das Nadelöhr passiert haben, ankern wir südlich der Halbinsel Steinort zum letzten gemeinsamen kleinen Imbiss à la Mario. Es ist weiterhin kalt. pr fahrten 2013 10So bleibt die mitgenommene Badehose trocken. Doch die Zeit drängt. Wir wollen, das heißt Andi muss nach Hause. Um die Termine nicht zu gefährden, wollen wir die 370er heute noch zurückgeben. Der Wind reicht für einen zünftigen Abschlussschlag den Strelasund hinaus. Dennoch sind wir so zeitig in Wieck, dass wir um 18.00 Uhr noch die Brückenöffnung nutzen.

pr fahrten 2013 11Wir verbringen einen letzten Abend an Bord. Morgenfrüh beginnt das traurige Finale: Tanken, Aufräumen, Saubermachen, Packen und das Übriggebliebene in die Autos verstauen. Der Herr Grünke wartet das nicht mehr ab. Wir kennen uns, vertrauen uns. Die Kaution werde ich schon noch erhalten und wir werden das Schiff ordentlich verlassen.

242 sm haben wir zurückgelegt, mehr als im letzten Jahr aber davon fast die Hälfte mit der Maschine. Es war zwar noch nicht Sommer, eher Spätwinter, aber es war sportlich anspruchsvoll, kulinarisch überragend und alles in allem eine wunderschöne Zeit zu viert. Wiederholung empfohlen!

Berlin, im Oktober 2013

Peter Reckmann

 

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