Wir verlassen die Schären, um noch einige Tage auf Bornholm zu verbringen.

Dienstag, 22.07.2014: Tjärö – Hällevik, 22 sm, 5:15 Std

Wir wollen weiter, so schön, wie es hier auch ist. Der Wetterbericht sagt weiterhin Wind aus NE voraus, allerdings immer zwischen 4 und 6 Bft. Das wollen wir ausnutzen, um bis zum Ende der Wo-che nach Bornholm zu kommen. Das Barometer verharrt seit Tagen bei 1024 hPa und ebenso lange haben wir keine Wolke gesehen.
Um 8.30 ist alles bereit zum Ablegen. Ich starte die Maschine, höre aber nur ein leises, kurzes Jaulen, dann ist Stille – und Ratlosigkeit. Ich überprüfe die Spannung der Starterbatterie, die zeigt 4 V an, die Bordstrom-Batterie liefert nur noch 8 V.
Da hilft nichts, als auf vor langer Zeit Gelerntes zurückzugreifen. Renate ist klar bei Vorleine, ich setze das Groß und ziehe am Heckanker. Der liegt aber auf dem Kraut und greift nicht. Also kann ich ihn gleich ganz einholen. Nun rollen wir die Fock aus und versuchen mit back stehendem Vorsegel vom Felsen wegzukommen. Aber nichts rührt sich, wir stecken zu tief im Schlick. Nun klettert Renate auf den Felsen und drückt das Schiff mit aller Kraft seitlich weg. Das hat endlich Erfolg. Der Wind drückt uns immer weiter herum. Jetzt können wir auch das Groß dichtholen und bewegen und ganz langsam aber stetig Richtung offenes Wasser.
Aber ohne Strom funktioniert an Bord gar nichts. Die Gassicherung nicht und auch nicht die Wasserpumpe. Das Log und vor allem auch das Echolot zeigen nichts an. Zur Orientierung bleibt nur die Papierkarte, weil Plotter und GPS ebenfalls nicht arbeiten. Auch das Funkgerät scheidet als letzte Hilfe aus.

Zum Glück kenne ich das Revier, wir waren schon oft genug in dieser Region. Glücklicherweise haben wird den Nordost-Wind und der schiebt uns erst einmal in südwestlicher Richtung aus dem Schärengebiet. Ich habe Zeit, mir ein Ziel auszusuchen, irgendeinen erreichbaren Hafen, denn als Fliegender Holländer möchte ich nicht enden. Karlshamn wäre die beste Lösung, ist aber segelnder weise kaum zu erreichen. Es kommen nur Häfen im Süden infrage. Noggersund hat eine Werft, bei der man sicher Hilfe bekäme, aber ich war noch nie in diesem Hafen und traue mich deshalb ohne Maschine nicht hinein. Bleibt also nur Hällevik. Dort residiert ein Hafenmeister, der auch ein wenig deutsch spricht. Und, das ist das Entscheidende, der Hafen ist geräumig und ich kann ihn unter Segeln anlaufen.
Ich hatte schon immer das Gefühl, dass Renate einen besonders guten Draht zu Rasmus hat und heute ist er ihr besonders gewogen. Der Nordost ist konstant und moderat. Außerhalb des Schärengürtels können wir den Spi setzen und erreichen damit fast 5 kn, eine schöne Geschwindigkeit, um noch rechtzeitig in den Hafen zu kommen. Insgesamt muss ich sagen, dass Renate hin und wieder mal einen Knoten nicht auf Anhieb richtig macht, aber in den entscheidenden Momenten, wenn es darauf ankommt, kann ich mich voll und ganz auf sie verlassen. Ob das knifflige Segel- oder schwierige Anlegemanöver sind, es klappt, da brauche ich nicht hinzugucken.
peer gynt 2014 10Als wir an Hanö vorbei sind und uns dem Flach Kråkrevet nähern, bergen wir den Spi. Mit Groß und Fock läuft das Schiff fast von alleine. Im Hafenhandbuch suche ich die Telefonnummer des Ha-fenmeisters heraus. Wir haben Glück, er ist gleich am Telefon und hört sich unser Missgeschick an. Ja, er werde im Hafen sein und uns einen passenden Liegeplatz zeigen. Und richtig, als wir uns eine halbe Stunde später, hoch am Wind segelnd, dem Hafen nähern, steht er am Molenkopf und winkt uns, in einer Hand einen ellenlangen Bootshaken. Der Rest ist fast schon Routine. Abfallen, Fahrt aufnehmen, rein in den Hafen, Aufschießer, Fock eingerollt, Groß runter. Mit der restlichen Fahrt an die vom Hafenmeister bezeichnete Stelle. Renate steht mit langer Leine am Bug. Kurz vor dem Steg steht das Schiff. Noch zwei, drei Mal gewriggt, dann liegen wir fest vertäut im sicheren Hafen.
Wenig später telefoniert der Hafenmeister mit der Werft im benachbarten Noggersund. Die ver-sprechen am nächsten Vormittag zu kommen und mir zu helfen.
Am Steg haben wir Strom, so dass wenigsten die Kühlung wieder funktioniert. Nun mache ich mich an die Fehlersuche. Beim Kaufmann am Hafen bekomme ich ein kleines Ladegerät, mit dem ich wenigstens die Bordstrom-Batterie wieder aufladen kann. Die Starterbatterie ist hin und lässt sich nicht mehr reanimieren. Der Doppellader von Mobitronik, der schon seit etlichen Jahren problemlos die Stromversorgung geregelt hat, scheint defekt zu sein. Auf einer Phase liefert er gar keinen Strom mehr, auf der zweiten nur 12 V. Das ist m.E. zu wenig als Ladestrom. Ob der Anlasser in Ordnung ist, kann ich nicht feststellen.
Nun sieht die Welt schon wieder etwas heller aus. Das größte Unglück jedoch ist, dass in der Räucherei der schöne marinierte Hering ausverkauft ist.

Mittwoch., 23.07.2014: ... Hällevik, Zwangsaufenthalt

peer gynt 2014 12Die Fachleute kommen noch am Vormittag, starten den Motor (der geht natürlich nicht), schauen sich vielsagend an und sagen, es sei die Batterie. Ich hoffe dass das wirklich alles ist. Zwei Stunden später ist einer von ihnen wieder da mit einer riesigen Batterie, baut sie ein und startet die Maschine. Sie geht! Inzwischen ist auch die Bordstrom-Batterie wieder aufgeladen. Also steht der Weiterfahrt nichts mehr im Wege. Allerdings war das ein teurer Besuch. Die Batterie kostet 1.450 skr, für die Dienstleistung verlangen sie weitere 1.500 skr. Zum Bezahlen mit der Kreditkarte nehmen sie mich mit zur Werft nach Noggersund und bringen mich auch wieder zurück. Für die insgesamt 6 km werde ich weitere 60 skr. los.
Den Rest des Tages können wir richtig genießen. Wir gehen spazieren und entdecken wieder neue und wunderschöne Ecken in und um Hällevik, unter anderem auch den neuen Flaggenmast.

Donnerstag., 24.07.2014: Hällevik – Simrishamn, 30 sm, 6:30 Std.

Die Sorge, ob die Maschine startet, ist unbegründet, sie tut es. Dennoch machen wir sie schon in der Hafeneinfahrt wieder aus, denn draußen steht noch eine alte Dünung, die das Segelsetzen nur erschweren würde. Der Wind ist schwächer als angesagt. Deshalb wird schon bald die Fock durch den Spi ersetzt. Nach den Erfahrungen des letzten Spi-Gangs bergen wir auch gleichzeitig das Groß. Nun kann der Spi frei schwingen. Trotzdem läuft das Schiff mit über 4 kn. Doch kontinuierlich wird der Wind stärker. Ich freue mich, weil auch die Geschwindigkeit steigt. Nach etwa zwei Stunden kann ich jedoch den Spi kaum noch regulieren, die Luvschot hat so viel Druck, dass ich die Winsch benutzen muss. Das hätte beinahe den Spibaum gekostet. Die Blase muss schleunigst geborgen werden. Unter Aufbietung aller Kräfte versuche ich auf dem Rücken liegend den Schlauch über das bunte Tuch zu ziehen. Erst als Renate die Luvschot komplett fliegen lässt, gelingt es mir.
Mit Groß und ausgebaumter Fock sind wir auch nicht viel langsamer. Dazu scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel und es ist sehr warm. Nachmittags laufen wir in Simrishamn ein. Es ist kaum noch ein Liegeplatz zu finden.
Gegen Abend ziehen dunkle Wolken auf. In der Ferne entlädt sich ein Gewitter. Ist das das Ende des Sommers. Auch die Wetterfrösche sind unsicher. Der Wetterbericht ist nicht besonders motivierend. Wir rechnen nicht damit, morgen nach Bornholm zu kommen.
Abends ruft Hauke an. Er sei in Gislövs Läge und wolle morgen nach Ystad segeln. Vielleicht können wir uns doch noch treffen.

Freitag, 25.07.2014: Simrishamn, Hafentag.

Es ist ruhig im Hafen. Nur wenige Yachten trauen sich raus. Dunkle Wolkenberge ziehen von Westen her heran, gegen einen kräftigen Ostwind. Das sieht sehr nach Gewitter aus. Es bleibt aber vorerst trocken. Wir nutzen die Pause, um eine Lösung für unser Stromproblem zu suchen. Durch den Ausfall des Doppelladers werden die Batterien nicht mit über Landstrom geladen. Wir müssen uns auf das gekaufte Gerät verlassen, das bedeutet aber, dass zum Nachladen alle Verbrauchen von der Batterie genommen werden müssen. Folglich sparen wir beim Licht und Radio.
Ein neues elektronisches Ladegerät bekomme ich nicht zu einem annehmbaren Preis, dafür aber Dorsch, frisch vom Kutter. Das gibt einige sehr schöne, schmackhafte Filets.
Dann kommt ein Anruf von Hauke. Er sei zwar in Ystad, habe aber erhebliche Probleme mit den Augen und müsse dringend nach Berlin zur Untersuchung. Aus dem Treffen wird also nichts.
Simrishamn wird die letzte Station in Schweden sein. Wir versorgen uns mit allem, was wir mitbringen wollen und was unseren Gaumen zuhause noch an Schweden erinnern soll.

Sonnabend, 26.07.2014: Simrishamn – Hasle, 25 sm, 5:30 Std.

Nachts ziehen Gewitter über uns. Bis zum frühen Morgen grummelt es. Doch dann reißt der Himmel auf. Das ist das Zeichen, nach Bornholm aufzubrechen. Noch weht ein NE mit ca. 4 Bft., der soll aber im Laufe des Tages auf Ost und später sogar auf Südost drehen. Ich wähle einen Kurs auf Hammerodde zu, um dann im Verkehrstrennungsgebiet mit Süd-Kurs Hasle zu erreichen. Dann können wir noch mit einem Anlieger unser Ziel erreichen, sollte der Wind drehen. Geplant, getan, und diese Entscheidung war wohl richtig. Im Verkehrstrennungsgebiet geht es zu wie auf einer deutschen Autobahn. Einmal mehr erweist sich das AIS als ein sehr sinnvolles Navigationshilfsmittel. Wir sehen auf dem Kartenplotter die Kümos schon, bevor wir sie mit dem Auge erfassen. Außerdem wird uns die Geschwindigkeit und die Zeit bis zum Auftreffen auf die Kurslinie angegeben. So kommen wir gefahrlos auf die dänische Seite. Der Wind dreht tatsächlich und jetzt, im Schutz der Insel segeln wir hoch am Wind mit über 5 kn.

Sonntag, der 27.07.2014: ...Hasle, Hafentag.

Wir haben uns vorgenommen, einige Tage auf Bornholm zu bleiben. Der heutige Tag bietet sich für einen Radausflug an. Ich habe da so meine Erfahrungen und begrenze das Ziel im Vorhinein auf Hammerodde und Allinge. Die Räder sind gut, bequemer Sattel und Gangschaltung. Unbeschwert nutzen wir den Radweg nach Hammershus. Landschaftlich unglaublich schön und abwechslungsreich führt er an den Häfen Helligpeder, Tegelkås und Vang vorbei zur Burgruine Hammershus. peer gynt 2014 13Doch die Küste ist hoch und steil abfallend zu den Ortschaften am Meer. Das heißt, dass es auf der einen Seite im Sturzflug abwärts geht und auf der anderen Seite mühsam das Rad steil bergauf geschoben werden muss. So halten sich Fahren und Wandern die Waage. In Hammerhavn ist das schwierigste Stück geschafft. Nun geht es auf ebenen Waldwegen am Hammersø nach Sandvig. Ellas Café lassen wir aus. Es ist nicht mehr so wie früher. Der Massentourismus hat den Charme zerstört.
Das gleiche stellen wir in der „Schweizer Konditorei" in Allinge fest. Etwas enttäuscht geht es zurück nach Hasle. Eigentlich hatte ich mir schon beim Kaffeetrinken überlegt, den Bus zu nehmen. Doch der Stolz siegt, leider. Ich quäle mich über den Inselrücken und beschließe, auf Bornholm nie mehr ein Rad zu benutzen.

Montag, 28.07.2014: Hasle, Hafentag.

Wir haben beide Muskelkater. Munter werde ich erst, als die Fischer, einen Schwarm Möwen hinter sich herziehend, in den Hafen einlaufen. Mit einer Plastiktüte versehen mache ich mich auf den Weg, erfolgreich. Der überaus nette und freundliche Fischer überlässt mir für 20,- dkr einen ordentlichen Dorsch und vier schöne, große Rødspøtter (Goldbut). peer gynt 2014 14Die nächsten zwei Stunden bin ich damit beschäftigt, aus den Fischen Filet zu machen. Das heißt, die Fische auszuschlachten, abzuziehen und entlang der Mittelgräte das Fleisch abzulösen. Dabei gewinne ich viele neue Freunde, zweibeinige, aber geflügelte. Die Möwen sind so zutraulich, dass sie unmittelbar neben mir stehend auf die Fischreste lauern. Dabei muss ich aufpassen, dass sie sich nicht an meinem Filet vergreifen.
Als ich mich erhole und die geschundenen Hände pflege – Fischhaut ist sehr rau und die Schollen lassen sich nur schwer und widerwillig entkleiden – klingelt das Handy. Es ist Karin Stiehl. Sie berichtet, dass Haukes Augenbeschwerden nicht gravieren sind, dass sie zurück in Ystad seien und auf dem Wege nach Osten. Da habe ihn die Nachricht erreicht, dass seine Mutter verstorben sei. Sie würden den Urlaub abbrechen und, nachdem sie erfahren hatte, dass wir in Hasle seien, zu uns kommen, um dann morgen mit uns nach Sassnitz zu segeln.
Ich hatte mir ein Wiedersehen fröhlicher erhofft. So sitzen wir an Bord und reden und erfreuen uns wenigstens gemeinsam an dem frischen Fisch.

Dienstag, 29.07.2014: Hasle - Sassnitz, 55 sm, 11:00 Std.

peer gynt 2014 15peer gynt 2014 16Um 07.00 legen wir ab, beide, denn Hauke hat ja im Päckchen neben uns gelegen. Draußen ist es windstill und nebelig. Wir hoffen, dass es nur Küstennebel ist. Gegen neun bricht die Sonne durch und der versprochene Nordost setzt ein. Das geht für die nächsten zwei Stunden recht gut, dann dreht der Wind. Wir bergen den Blister, setzen die Fock, baumen sie aus und sichern das Groß mit einem Bullenstander. Hauke kreuzt vor Wind, um den Blister weiter segeln zu können. Der Wind ist allerdings so schwach, dass wir wieder streckenweise die Maschine mitlaufen lassen müssen, wenn die Geschwindigkeit unter 4 kn fällt. Wir genießen die Stille (wenn der Motor nicht läuft) und über-lassen das Kurshalten dem Autopiloten.
Welche Strategie die bessere war, lässt sich nicht feststellen, da wir nahezu gleichzeitig in Sassnitz ankommen.
Der Hafen hat zwei neue Schwimmstege unterschiedlicher Größe bekommen. Wir entscheiden uns für den ersten besten, 4 m breit und 20 m lang. So lange Festmacher habe ich nicht. In aller Eile muss ich sie durch die Spi-Schoten verlängern. Als wir dann endlich mit gütiger Hilfe der „Nachbarn" festgemacht haben, erscheint Karin und sagt, dass am zweiten Steg auch noch Platz sei und auch kleinere Boxen. Diese müssten nach Größe bezahlt werden. Unsere wäre mit 30,- € die teuerste, am 2. Steg gäbe es noch welche für 14,- €. Also sammeln wir unsere Leinen wieder ein und verholen uns.
Viel können wir nicht mehr unternehmen. Wir sitzen bei Hauke, (mein Bier ist nämlich alle) und reden über die nächsten Tage. Er will sein Schiff hier liegen lassen. Stabi wird ihn morgen abholen und am Wochenende das Schiff übernehmen. Wir können nicht weiter helfen und werden, so das Wetter es zulässt, nach Freest oder sogar nach Swinemünde segeln.

Mittwoch., 30.07.2014: Sassnitz – Freest, 26 sm, 6:00 Std.

Der Wetterbericht verspricht nördliche Winde um 3 Bft mit einzelnen Gewitterböen. Im Ohr habe ich noch den Spruch des Meteorologen, dass es vormittags keine Gewitter gäbe. Na, bis zum Nachmittag sind wir ja wohl in einem Hafen. Wieder achterlicher Wind, wieder ausgebaumte Fock und Bullenstander. So segeln wir die schöne Küste des Mönchsguts nach Süden. In Höhe Gören, also an der Huck Südperd, fällt der Wind seitlich ein und beschert uns eine rauschende Fahrt.
Allerdings zeigen sich über der Peene dichte, dunkle Wolken, aus denen die ersten Blitze zucken. Schaffen wir das noch trocken in einen Hafen. Ich möchte nach Freest, weil ich noch Lust auf Fisch habe. In Kröslin hätten wir aber einen Liegeplatz sicher, in Freest ist es fraglich. Die erste Gewitterbö entscheidet diese Frage. Die zweite Bö fällt am Böttchergrund über uns her. Nun heißt es reffen oder ganz bergen. In der Knaakrückenrinne möchte ich keinen Drücker haben, der das Schiff zum Anluven zwingt. Also bergen wir die Segel und packen sie ein. Es wird Zeit, ins Ölzeug zu schlüpfen, das Gewitter und der Regen kommen mit Sicherheit.
peer gynt 2014 17In der Hafeneinfahrt von Freest liegen die Sportboote schon im Päckchen. Sch...!!! Dann sehe ich knappe 9 m freie Kaimauer vor dem Rettungskreuzer. Renate ist gerade mit der Vorleine auf dem Kai, da blitzt es auf und gleichzeitig kracht es explosionsartig. Die schätzungsweise einhundert Möwen auf dem Dach der Fischhalle fliegen wie eine Staubwolke in die Höhe. Auch die Heckleine ist schnell befestigt. Die Kuchenbude schließt sich schnell wie ein Schiebedach. Dann atmen wir durch.
Das ist noch einmal gut gegangen. Der jetzt einsetzende Starkregen stört uns nicht mehr, jetzt gibt es erst einmal Kaffee – und einen besorgten Anruf von Hauke. Auch dort schein das Gewitter inzwischen angekommen zu sein.
In Freest ist Hafenfest, das kann ja heiter werden. Aber der Hafenmeister wiegelt ab, das Fest beginne erst am Freitag, beruhigt er uns. Der Regen fällt die ganze Nacht.

Donnerstag., 31.07.2014: Freest – Swinemünde, 31 sm, 7:30 Std.

Fisch oder nicht Fisch, das ist hier die Frage. Der Hafenmeister meint, die Fischer kämen immer so um elf zurück. Das wird uns zu spät. Bis Swinemünde brauchen wir mindestens sieben Stunden. Wir müssen wohl verzichten und bereiten uns auf das Ablegen vor. Da tuckert doch noch ein Fischer in den Hafen. Die Hoffnung beflügelt meinen Schritt und wenig später verschwinden vier beachtlich große Schollen im Ankerkasten.
Nun können wir ablegen. Das Barometer ist inzwischen wieder von 1011 hPa auf 1016 hPa gestiegen, die Wolken haben sich verzogen und über DP 07 erfahren wir, dass ein westlicher Wind um 3 Bft. wehen soll. Aber noch ist er nicht da. Es bläst aus Nord und verleiht uns, nachdem wir die Peene verlassen haben, Flügel. Doch Rasmus geht der Atem aus. Wieder achterlicher Wind, the some procedure as every day. Wir halten uns gut im Feld der Segler, die alle Swinemünde ansteu-ern. Nach einer Winddrehung auf NNE setzen wir den Blister und am Nachmittag auch noch den Spi. Gegen 16.00 Uhr ist es dann endgültig aus mit dem kostenlosen Antrieb. Aber bis dahin hat uns niemand überholt.
Statt des geplanten Menüs in einem Restaurant ziehe ich den Schollen das Fell (respektive die Haut) über die Ohren. (Haben die überhaupt welche?) Also, das Essen an Bord war bestimm keinen Deut schlechter als das in einem Restaurant.

Freitag, 01.08.2014: Swinemünde– Stettin, 31 sm, 6:00 Std.

Wie üblich, wollen wir uns noch für den Rückweg mit frischem Obst und Gemüse versorgen. Am Markt ist ein kleiner Stand mit ausgezeichneter Ware. Auch Brot fehlt uns. Um 10.30 können wir die Marina verlassen. Es ist windstill, trocken und längst nicht mehr so warm, wie in den letzten Tagen. Es scheint, der Sommer sei vorbei.
Aber all das stört mich nicht mehr. Die letzten Tage haben uns für viel Unbill entschädigt. Innerlich habe ich das Segeln abgeschlossen und den Urlaub beendet. Was jetzt kommt, ist Rückweg. Auch im Haff weht kein Lüftchen. Wir überlegen, ob es nicht von Vorteil wäre, in Ziegenort den Mast zu legen. Also verlassen wir den Tonnenstrich und biegen ab zur Marina.
Nach längerem Suchen finden wir den Hafenmeister, der uns bedeutet, dass das Kranen erst wieder am Montag möglich sei. Macht nichts, fahren wir eben weiter. Beim Anleger für die Fahrgastschiffe sieht Renate die neue Tankstelle. Maschine stopp, anlegen und Tanken ist die spontane Reaktion. Das bedeutet, dass wir nun ausreichend Diesel haben, um bis nach Berlin zu kommen. Wir brauchen nicht zur Marina Hotel, sondern können auch, sofern dort Platz ist, in Goclaw bleiben.
Unsere Befürchtungen sind unnötig, es liegen kaum Schiffe im Hafen, schon gar keine, die den Mast legen müssen.
Ich vereinbare mit dem Hafenmeister einen Termin für morgen neun Uhr. Nun ist der Urlaub wirklich vorbei. Ich muss das Mastgestell aus den untersten Tiefen der Backskiste hervorkramen und aufbauen, das Groß einpacken und den Baum abmontieren und schließlich alle Fallen und Strecker aus den Klemmen nehmen und am Mast befestigen.
Ich bin gerade damit fertig, da beginnt es zu regnen. Nun muss ich notgedrungen zum Biertrinken auf die Terrasse des Hotels.

Sonnabend, 02.08.2014: Stettin – Schwedt, 31 sm, 5:40 Std.

Es gibt ein frühes Frühstück. Bis neun habe ich alle Wanten und Stage gelöst und den Stropp zum Kranen befestigt. Der Meister der Winde ist sehr pünktlich. Nach zehn Minuten liegt der Mast. Anschließend wird alles ordentlich festgezurrt, die Ersatzantenne für das AIS angebracht und das Topplicht befestigt. Nach dem Duschen beginnt der letzte Teil unserer Reise.
Nach knapp sechs Stunden sind wir in Schwedt. Die tiefen Plätze am Strom sind leider alle durch Motorboote mit geringem Tiefgang besetzt. Einer, der es anscheinend weiß, schickt uns mit der tröstlichen Bemerkung, die ersten vier Stände im Hafen hätten alle 1,5 m Tiefe in den Hafen des Wassersportgeländes. Schon vor dem ersten Stand sitze ich fest. Es geling uns, das Schiff – mit gelegtem Mast – in der engen Einfahrt zu drehen und mit einem kraftvollen Schub der Maschine freizubekommen. Nun legen wir uns, völlig legal, in die Einfahrt, was unserem Tippgeber allerdings nicht passt. Das stört mich aber nicht.
Im Laufe des Nachmittags versuchen mehrere Segler die 1,5 m tiefen Plätze zu erreichen. Das gelingt weder der ersten Yacht mit 1,4 m, noch der Bandholm 24, mit 1,3 m Tiefgang.
Wir gehen Essen. Nach langer Zeit wieder einmal im Jägerhof ... und haben es nicht bereut. Das Angebot ist immer noch gut, aber nicht nur auf hochpreisige Gerichte abgestellt.

Sonntag, der 03.08.2014: Schwedt – Schleuse Lehnitz, 51 sm, 11:00 Std.

Das Wetter ist durchwachsen. Sonnige Abschnitte wechseln mit kleinen Schauern. Doch die verderben uns nicht die Laune. Von dem böigen Wind spürt man auf dem Kanal wenig. Beim Schleusen haben wir unglaubliches Glück. In Hohensaaten ist die Schleuse offen und beim Schiffshebewerk lohnt es sich kaum festzumachen.
Kurz vor Marienwerder kommt uns eines der vielen Flusskreuzfahrt-Schiffe entgegen. Ich habe es dank AIS schon lange auf dem Plotter gesehen. Hier am Sicherheitstor und der Pechteicher Straßenbrücke ist der Kanal nicht besonders breit. Der Passagier-Frachter meldet sich erst mit einem langen Ton. Doch da habe ich mich schon in eine kleine Bucht zwischen beiden Bauwerken verdrückt. Dann folgt eine Folge kurzer Töne und ich sehe aufgeregtes Personal am Bug. Dann schiebt sich der Blecheimer unter dem Sicherheitstor hindurch. Oben und unten, rechts und links ist wenig Platz. Ich habe Angst, dass der Kahn so viel Wasser ansaugt, dass ich aufsitze oder mit angesaugt werde. Doch es geht alles gut. Für die schätzungsweise 10 Fahrgäste hätte ein halb so großes Schiff auch gereicht.
Da die Maschine ausreichend Strom liefert, können wir Radio hören. Doch was wir da hören, ist nicht besonders erfreulich: Unwetterwarnungen in der Uckermark, im Barnim und um Berlin. Wir hatten geplant, abends noch zu schleusen und uns im Lehnitzsee vor Anker zu legen. Doch bei diesen Prognosen ziehen wir es vor, lieber oben im Hafen Klink zu bleiben. Es gibt die „Henkersmahlzeit", wie immer, Bohnensuppe mit Würstchen.
Von den Unwettern spüren wir nichts außer einigen unbedeutenden Regenschauern und entferntem Grummeln. Nur im Radio hören wir, wie Sturm, Gewitter und Hagel in einigen Regionen, die wir heute durchfuhren, gewütet haben. Selbst nachts wird unser Schlaf durch nichts gestört.

Montag, 04.08.2014: Lehnitz – Berlin, TSC, 15 sm, 3:00 Std.

Um kurz nach sechs melde ich mich telefonisch bei der Schleuse Lehnitz zur Talfahrt an. Er habe momentan keine Anmeldungen, sagt mir der Schleusenwärter, ich solle in einer dreiviertel Stunde einfach an den Sportanleger kommen.
peer gynt 2014 18Für ein Frühstück ist die Zeitspanne zu kurz, aber zum Baden reicht es bestimmt. Kurz vor sieben legen wir ab und fahren langsam um die Ecke zum Sportanleger. Wir haben ihn noch nicht erreicht, da springt das Einfahrtssignal an der Schleuse auf Grün. Wir sind die einzigen, Privatschleusung! Ganz langsam lässt das Schleusenpersonal das Wasser ablaufen. Keine Strömung, kein Stress. Einen herzlichen Dank noch an dieser Stelle.
Im Lehnitzsee ankern wir noch ein letztes Mal, um in Ruhe zu Frühstücken. Dann kommt der letzte Teil. Renate packt unter Deck alle Sachen ein oder stellt sie bereit. Ich genieße ein letztes Mal die Ruhe der Havel.
Kurz vor zwölf biegen wir in die Malche ein. Es hat sich nichts verändert. Selbst wie im letzten Jahr sind Barbara und Benn Sudhoff zum Empfang erschienen. Benn, um beim Anlegen zu helfen und Barbara, um uns wieder mit der Zwei-Personen-Torte zu überraschen. Danke!

Peter Reckmann

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