Mit der Trio 80 „Peer Gynt“ von Berlin über Stettin, Swinemünde, Sassnitz, Simrishamn, Hällevik, Karlskrona Säljö, Bergkvara, Kalmar, Timmernabben und zurück über Mörbylånga, Torhamn, Karlskrona Dragsö, Tjärö, Karlshamn, Simrishamn, Rønne, Swinemünde, das Stettiner Haff, die Oder wieder nach Hause.

So richtig kommt der Sommer nicht in Gang. Anfang Juni gehe ich mit Andi, Mario und Piet auf Chartertörn; dieses Mal mit einer Hanse 430. Sommerwetter! Danach ist aber Schluss mit dem Sommer. Wir überbrücken den „Wintereinbruch“ mit einer Woche Urlaub in der Schweiz. Am 25.06. sind wir zurück, am 26. sind die Gasprüfung und die Mitgliederversammlung. Ich horche mich um, wer wann wohin unterwegs ist. Alle wollen in Kürze los. Und Anfang Juli soll der Sommer wieder kommen. Wir überprüfen den Stand der Vorbereitungen. Am Montag oder spätestens am Mittwoch können wir ablegen. Doch der Reihe nach:

Montag, 29.06.2015: Berlin, TSC – Schleuse Lehnitz, 15 sm, 3:15 Std.

Wir haben seit Freitag fast pausenlos geackert. Der Erfolg bleibt nicht aus. Um 15.00 Uhr können wir das Haus verlassen, um 16.00 Uhr ist alles an Bord und wir legen ab. Das ging so schnell, dass Barbara und Benn uns nicht, wie sonst immer, am Steg verabschieden können. Doch die Anstrengungen der letzten Tage machen sich bemerkbar: Wir sind müde und gereizt. Doch am Spätnachmittag kehrt Ruhe ein. Die Kanalfahrt „entschleunigt“ uns, zwingt zur Ruhe und Gelassenheit, glättet die Nerven und besänftigt das Gemüt. In Lehnitz sind wir völlig entspannt. Wir haben Glück! Vor uns fährt gerade das Frachtmotorschiff „Michael“ in die Schleuse ein. Ich frage telefonisch nach, ob da noch Platz für acht Meter seien. Es ist, wenn auch sehr wenig. Um 20.30 Uhr liegt der erste Abschnitt hinter uns.
Der Liegeplatz vor dem Hafen Klink, den wir in den Jahren zuvor immer gewählt haben, ist besetzt. An der Kaimauer ist ein Mahnmal installiert, eine rostige, überdimensionale Stahlplatte mit eingestanzten Schriftzügen, die bis ins Wasser reicht. Festmachen unmöglich und auch sicher pietätlos.
An der Ecke sitzt ein Angler und ranzt uns an, der Hafen sei gesperrt, hier könne man nicht liegen. Meine Antwort ist unfein und nutzlos. Wir gehen auf die andere Seite und genießen einen wunderschönen, ruhigen Abend, unseren ersten. Dabei verliert die erste Kiste Rotwein ihre Jungfräulichkeit.

Dienstag, 30.06.2015: Lehnitz - Schwedt, 51 sm, 11:50 Std.

Kurz nach Sonnenaufgang klingelt der Wecker. Der Fischmörder (oder seine Mumie) sitzt immer noch da. Also können wir nicht textilfrei baden. Aber es geht auch ohne Kanaldusche.
Die Morgenstimmung auf der Havel ist wieder beeindruckend. Wir frühstücken während der Fahrt, besser als im Speisewagen. Nun ist das Urlaubsgefühl da.
Gegen 10.00 Uhr bremst die „Michael“ unsere Fahrt. Da es nur noch 30 Minuten bis zum Hebewerk sind, bleiben wir hinter dem Frachter. Um 11.00 Uhr spuckt der Trog wie immer das Fahrgastschiff aus. Dieses fährt nach einer großen Schleife dann wieder in den Trog zurück. Da ist dann immer noch Platz für ein paar Sportboote. Ich rechne damit, in wenigen Minuten zur Bergfahrt – so widersinnig das auch klingt – aufgerufen zu werden. Stattdessen legt die „Michael“ ab und alle anderen müssen warten, eine Stunde! Dafür werden wir in Hohensaaten entschädigt: keine Wartezeit, das Tor öffnet als wir zur Westschleuse einbiegen.
Kurz vor Schwedt bremst uns wieder die „Michael“. Dieses Mal will ich aber nicht mit 4 kn hinter ihr herfahren. Mir folgen mehrere Motorboote und ein Segler, das wird dann eng im Sportboothafen Schwedt. Ich gebe also Vollgas und quäle mich an dem plötzlich endlos lang erscheinenden Schiff vorbei. So richtig gute Seemannschaft war das wohl nicht, aber dafür ergattern wir den letzten Liegeplatz mit mehr als 1,20 m Wassertiefe. Der uns folgende Segler fährt nach einigen vergeblichen Versuchen, an Land zu kommen weiter nach Gartz.
Es ist noch Zeit, das Fehlende in der nahen Stadt zu besorgen und auch im „Jägerhof“ Essen zu gehen.

Mittwoch, 01.07.2015: Schwedt – Stettin, 33 sm, 9:30 Std.

Die Wetterprognosen haben sich bewahrheitet: wolkenloser Himmel und zunehmende Temperaturen. Kurz nach sieben ziehen wir uns leise aus der Box und starten erst dann die Maschine. Frühstück gibt es wieder während der Fahrt. So früh ist noch keiner unterwegs, auch die „Michael“ stört uns heute nicht. Fünf Stunden später sind wir – nach einer kleinen Extratour – in der Marina Hotel. Dort ist bis 14.00 Uhr Mittagspause. Wir nutzen die Zeit, um unter dem Kran den Mast zum Stellen vorzubereiten.
Kaum habe ich den Heißstropp am Mast befestigt, kommt auch der Hafen- und Kranmeister. „Wie lang ist der Mast?“ fragt er mich. Ich schaue ihn an und sage: „etwas über 9 m!“ „Etwas unter 9 m sagst du an der Rezeption“, erwidert er mit einem Augenzwinkern. Ein paar Minuten später steht der Mast. Weil keine weitere Kundschaft in Sicht ist, können wir dort liegen bleiben und das Rigg befestigen und eintrimmen. Um 16.00 Uhr ist die „Peer Gynt“ segelfertig. Anschließend bezahlen wir (erfreulich wenig), bedanken uns mit einem Trinkgeld beim Hafenmeister, tanken noch an der Tankstelle gleich nebenan und legen ab. Wir wollen nach Goclaw, das ist dann schon ein Stückchen näher an der Ostsee. In dem kleinen Hafen ist noch viel Platz. Wir treffen auf Brigitte und Henner Quade, die den Nachmittag in Stettin verbracht haben. Den Abend verbringen wir bei ihnen an Bord.

Donnerstag, der 02.07.2015: Stettin – Swinemünde, 32 sm, 6:50 Std.

Das Wetter bleibt sommerlich. Schon am Vormittag sind es 26° C. Bei der Wärme hat auch der Wind keine Lust. Wir setzen zwar die Segel in der Hoffnung auf ein Bisschen Thermik, baumen die Genua aus, aber ohne Maschine kommen wir nicht richtig voran. Ab Ziegenort versuchen wir es mit dem Blister. Doch auch das bringt nicht den erwünschten Erfolg. Kurz vor der Kaiserfahrt geben wir auf und packen die Segel ein. Das war intuitiv das Richtige. Wenig später fallen unvermittelt einige heftige Böen über uns her. Der Wind hat gedreht und bläst jetzt mit guten 4 Bft. aus Nord.
In Swinemünde sind auch noch viele Liegeplätze frei, das erschwert natürlich die Suche. Den Spätnachmittag verbringen wir in der Stadt. Dort kennen wir einen kleinen Obst- und Gemüsehändler, bei dem wir uns seit Jahren mit frischer Ware für die ersten Seetage versorgen. Bevor es an Bord geht, gönnen wir uns noch die pommersche Küche auf der sonnigen Terrasse eines Restaurants und natürlich Bier und Fruchtsäfte bei immer noch 28° C.
Abends sitze ich über der Seekarte und plane. Mal sehen, was der morgige Tag bringt. Sassnitz oder Kolberg? Den direkten Weg nach Bornholm wollen wir ausschließen.

Freitag, 03.07.2015: Swinemünde - Sassnitz, 45 sm, 8:45 Std.

Der Tag fängt schon gut an: Beim Auslaufen um 07.30 kommt uns ein polnisches Marineschiff entgegen. Ich dippe die Nationale. Die Schiffsführung merkt das sehr spät, vielleicht kommt der Gruß etwas unerwartet. Jedenfalls muss der Flaggengast die Treppen zum Mast hinaufsprinten. Doch offensichtlich lässt sich der Konten der Flaggleine nicht lösen, mein Gruß kann nicht erwidert werden.
An der Hafeneinfahrt fällt dann die Entscheidung für Sassnitz. Der leichte Südost-Wind macht Kolberg für uns unerreichbar. Anfangs ist das Segeln mühsam. Bei achterlichem Wind dümpeln wir in einer alten Dünung mit ausgebaumter Genua und durch einen Bullenstander gesichertem Groß mit ca. 4 kn an den Kaiserbädern vorbei. Schließlich überredet mich Renate, doch den Blister zu benutzen. Der Erfolg bleibt nicht aus, zumal der Wind auf Ost dreht: Fortan pflügt die voll beladene Trio mit 5 bis 6 kn durch die Ostsee. Ein selten schöner Segeltag! Und das bei wolkenlosem Himmel und 31° C. 2 sm vor Sassnitz bricht das Wettersystem zusammen. Schleierbewölkung ist aufgezogen, der Wind dreht auf eine nördliche Richtung. Wir müssen den Blister bergen und packen auch das Groß gleich mit ein.
Beim Anlegen wähle ich mal wieder eine zu große Box und habe keine passenden Leinen dafür parat. Beim zweiten Versuch auf der anderen Seite des Schwimmsteges klappt dann alles perfekt. Als ich das Hafengeld entrichte, bemerke ich, dass der Hafenmeister auch über Funk zu erreichen ist. Ich verabrede mit ihm einen kleinen Sprechfunktest. Unser Gerät ist in Ordnung.
Die Zeit reicht noch für einen schönen Spaziergang und ein leckeres Abendbrot in einem Bistro am Strand.

Sonnabend, 04.07.2015: Sassnitz - Hasle, 55 sm, 10:20 Std.

Wir sind recht früh aufgestanden. Um 06.00 Uhr verlassen wir den Hafen. Es ist diesig, das Barometer ist in den letzten 24 Stunden langsam, aber beständig gefallen und die See ist spiegelblank. Die Wetterprognosen für die nächsten Tage sehen nicht gut aus, es nähert sich ein Sturmtief. Daher macht es keinen Sinn, hier in Sassnitz auf Wind zu warten, denn wenn er kommt, ist der Sprung über die See nach Bornholm oder Südschweden nicht mehr möglich. Wir haben also keine andere Option, als mit Motorkraft voranzukommen. Vielleicht kommt ja noch etwas Wind auf.
Die Hoffnung ist vergebens. Um 16.30 machen wir in Hasle fest. Und dennoch hat der Tag auch sein Positives gehabt. Wir sind in den letzten Tagen immer lange unterwegs gewesen und haben wenig Zeit für die Regeneration gehabt. Heute haben wir Freiwache, den ganzen Tag. Die Maschine und die Selbststeueranlage haben den Job erledigt. Wir erholen uns bei 29° C und gefilterter Sonne. Einen Schock bekomme ich, als ich das Hafengeld am Automaten entrichten will. 235,- dkr. also 31,50 € verlangt der metallische Hafenmeister, alle Proteste sind sinnlos. Im letzten Jahr waren es noch 170,- dkr. Die Preissteigerung ist mit nichts zu begründen, es hat sich nichts verändert in der Zeit. Nur die schwimmenden Angelhotels sind weg, aber dafür will ich nicht mehr bezahlen.

Sonntag, 05.07.2015: Hasle – Simrishamn, 25 sm, 6:00 Std.

Das Barometer ist weiter auf dem Wege nach unten. Es sind nur noch 1022 hPa. Die Wetterfrösche bleiben bei ihren Prognosen. Am Nachmittag soll das Sturmtief über Südschweden hinweg ziehen. Wir haben nur ein kleines Zeitfenster. Wir müssen entscheiden, in welchem Hafen wir die nächsten Tage abwettern wollen. Es ist Simrishamn. Dabei sieht das nicht nach einem erfreulichen Segeltag aus. Es scheint zwar die Sonne, doch es ist weiterhin diesig und schwachwindig. Trotzdem legen wir um 09.00 Uhr ab und laufen unter Maschine an der Felsenküste nach Norden. In Höhe Hammerhus kommt Wind auf und dann auch noch aus Nordost! Sofort wird die Genua ausgerollt, das Groß hatten wir ohnehin schon gesetzt, und wir gehen auf Kurs 310°. Zeitweise läuft das Schiff 5,5 kn. Mit Glück rutschen wir im Verkehrstrennungsgebiet zwischen den beachtlich vielen Frachtern hindurch. Nur die Containerfähre aus Finnland zwingt uns zu einer kleinen Kursänderung.
Außerhalb des Schifffahrtsweges beginnt der gemütliche Teil des Tages. Es ist wieder sehr warm und noch hat sich keine spürbare Welle aufgebaut. Einfach herrlich! Langsam bewölkt sich der Himmel, das Tief kündigt sich an. Doch vor dem Sturm kommt erst einmal die Windstille. 2 sm vor Simrishamn ist das Segeln vorbei. Mit der Maschine laufen wir den Hafen an und stehen vor einem Problem: welchen der vielen freien Plätze nehmen wir. Den Nachmittag verbringen wir in der Stadt. Auch hier ist es noch ruhig und man kann ungestört durch die hübschen Gassen schlendern. Abends bereite ich unsere Hütte auf die nächsten windreichen Tage vor.

Montag, 06.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

Wie angekündigt kam der Wind schon in der Nacht. Sein Heulen schickte uns in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Wir schlafen lange, frühstücken in aller Ruhe und schieben noch ein Nickerchen nach. Auf dem weiten Weg zur Toilette entdecke ich im Handelshafen einen Kutter, der sonst nicht dort liegt. Das macht mich neugierig. Tatsächlich, auf dem Fischerboot ist ein junger Mann, der seinen Fang verkauft. Ich entscheide mich für zwei fleischige Rødspætter, einen dritten Goldbutt packt er als Extra hinzu. Nun wird aus dem Cockpit eine Filetfabrik. Den Fischen wird die Haut abgezogen und dann vorsichtig mit einem Messer das weiße Fleisch von der Mittelgräte aus zum Flossensaum herunter geschnitten. Das ergibt pro Fisch vier feine Stückchen grätenfreies Fischfilet.
Dann muss ich doch in die Stadt: Ich habe mir für den Segelurlaub ein Tablet angeschafft, um über das Internet Wetterberichte und Nachrichten zu empfangen. Nun möchte ich die dazu notwendige SIM-Karte, die ich mir schon im Juni beim Chartertörn hier gekauft hatte, aktivieren. In dem Laden kann man mir nicht helfen und schickt mich zu einem Computerspezialisten außerhalb des Stadt-kerns. Der junge Mann dort ist sehr bemüht, aber nach 90 Minuten gibt er entnervt auf. Weder im PC noch im hot-spot, den mir der Media-Markt in Berlin als das Nonplusultra empfohlen hat, lässt sich die Karte aktivieren. Ich bezahle 100 skr. und ziehe frustriert vondannen.
Neben uns liegt jetzt ein schwedisches Ehepaar mit drei kleinen Kindern. Sie wollen nach Bornholm, am liebsten nach Allinge, doch es gibt in Simrishamn keine Seekarten und Hafenpläne von Dänemark. Er fragt mich, ob ich ihm eventuell Karten und Pläne verkaufen könne, Bornholm läge ja schließlich hinter mir. Ich kann sie ihm sogar schenken, da ich sie doppelt habe und Hafenpläne liegen in jedem Ort Bornholms kostenlos aus. Bei einem Bier kommen wir ins Gespräch. Sie kämen aus Norrköping, erzählt er, und hätten drei Wochen Urlaub, da muss jeder Tag zum Segeln genutzt werden. Abends haben sie Besuch von Freunden. Es wird auf dem Steg gegrillt und an Bord gefeiert und die Kinder immer fröhlich mittendrin.

Dienstag, 07.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

Ich werde um 05.00 Uhr wach und schaue aus der Luke. Die Sonne scheint, aber es ist kalt, 14° C, und der Wind heult immer noch! Ich mache die Luke wieder zu und auch die Augen. Um sieben klingelt der Wecker. Nach Möglichkeit möchten wir weiter, doch der Windmesser pendelt zwischen 15 kn und 22 kn, in Böen bis 7 Bft. Das müssen wir uns nicht antun, zumal wir wohl nicht weiter als bis nach Hällevik kommen würden. Der Wetterbericht kündigt für den Abend schon wieder Starkwind mit ... „schweren Gewitterböen“ ... an. Das ist nicht unser Wetter. Unsere Nachbarn bleiben auch, sie wollen es am Nachmittag versuchen. Ich probiere erneut, in der Stadt doch noch einen Internetzugang zu bekommen, leider erfolglos. Mein Tablet hat irgendwo einen Defekt.
Auf dem Rückweg entdecke ich im Handelshafen vor dem Touristbüro wieder den Fischkutter und die Schlange der Wartenden. Ich reihe mich ein und bin bald darauf für 50,- skr. Eigentümer eines Zwei-Personen-Dorsches, dem ich an Bord das Fell abziehe und die Gräten entferne. Am Nachmittag flaut der Wind etwas ab und unsere Nachbarn wollen sich auf den Weg machen. Ich zeige ihnen den soeben empfangenen Seewetterbericht auf dem Wetterfax: Starkwind bis 10 Bft. und 2 m hohe Wellen für die südliche Ostsee. Nach einem prüfenden Blick zum Himmel legen sie dennoch ab. Bis zum Abend bleibt es aber ruhig, so dass sie ihr Ziel wohl erreicht haben.

Mittwoch, 08.07.2015: Simrishamn - wetterbedingter Hafentag

Auszug aus dem mittelfristigen Seewetterbericht für die südliche Ostsee: Mittwoch: SW-W 6, in Böen 7-8, 2,5 m Welle, Donnerstag: SW-W 6-7, in Böen 8-9, 3,5 m Welle Freitag: W-NW 6-7, in Böen 8-9, 4 m Welle, Sonnabend: NW 6, in Böen 7-8, abnehmend, 2,5 m Welle. Ich erkundige mich beim sehr freundlichen Hafenmeister nach Rabatten. Aber die gibt es erst beim Kauf von Monatskarten.
Am frühen Morgen hatte es ein heftiges Gewitter gegeben, mit kräftigen, aber kurzen Schauern. Es ist jedenfalls nicht ratsam, den Hafen zu verlassen. Die Fluktuation ist auch dementsprechend gering. Auch am Nachmittag kommen nur ganz wenige Yachten an. Der Fischer war trotzdem draußen. Dieses Mal kaufe ich zwei große Skrubben. Die Plattfische mit der dunklen Färbung lassen sich wegen der sehr rauen Oberhaut nur schwer abziehen, aber das Fleisch ist würziger als beim Butt. Renate macht inzwischen eine ordentliche Portion Kartoffelsalt. Wir werden heute Würstchen essen und den Fisch für morgen aufheben.
Das Wetter ist ja nicht schlecht. Es sind 22° C, die Sonne scheint und über Land bilden sich einige Altocumulus. Aber der Wind pfeift mit bis zu 40 kn über den Hafen. Wir machen einen ausgedehnten Spaziergang am Strand entlang und pflücken Blumen. So kommt der Sommer auch an Bord. Trotzdem mangelt es uns etwas an der Bewegung. Nur die Stadtgänge zum Einkaufen reichen nicht. Ansonsten leben wir unter der Haube windgeschützt, lesen, raten, dösen und lassen es uns gut gehen. Uns treibt keiner und wir müssen kein Ziel erreichen. Doch für den Fahrtenseglerpreis des Clubs wird das in diesem Jahr nicht reichen.

Donnerstag , 09.07.2015: Simrishamn - wetterbedingter Hafentag

Der Wind bleibt uns treu. Dazu gesellt sich jetzt der Regen. Nach Sommer sieht das nicht mehr aus. Es ist merklich kühler geworden. Das Barometer zeigt 1006 hPa. Ab Mittag beginnt es zu regnen, erst Nieselregen, dann teils kräftige Schauer. Wie gut, dass wir das Mittagessen schon im Kühlschrank haben. Renate fängt ihr viertes Buch an,- neun werden es bis zum Ende des Törns werden – und auch ich habe dank Haukes „Geburtstagsgeschenk für alternde Männer“ keine lange Weile. Die Hälfte der Sudoku aus dem Heft ist schon gelöst. Dazu kommen Kaffee, Kekse und ein Aperitif. Der Regen wird uns die Laune nicht verderben.
Abends wird es dann so kalt, dass wir den kleinen elektrischen Ofen vorkramen und zum Spielen heißen Tee trinken. Aber mal ehrlich, jetzt könnte sich das Wetter wieder zum Guten wenden.

Freitag, 10.07.2015: Simrishamn - wetterbedingter Hafentag

Die Nacht war sehr kalt und unruhig! Der Wind hat auf Nordwest gedreht und das Hafenwasser gefaltet. Wir sind nun schon den fünften Tag in Simrishamn und der Wind bläst unvermindert. Heute sind es bis zu 30 kn (am Steg!!!) Im Hafen bilden sich richtige Wellen. Das Schiff zerrt an den Leinen. Ich habe die Luvseite mit zwei weiteren Festmachern gesichert.
Das Wetter geht, obwohl es heute trocken ist, langsam auf die Nerven. Wir müssen uns bemühen, dem nicht nachzugeben. Wir diskutieren die Situation und beraten, wie es weitergehen soll. Wir vermissen nichts, leben wie im Paradies und erfreuen uns am Nichtstun und dennoch sind wir unzufrieden. Sobald der Wind nachlässt, so entscheiden wir, wollen wir doch weiter nach Norden, so lange, bis dieser auf östliche Richtung dreht.
Beim Hafenmeister nutze ich das kostenlose WLAN, um im Internet nach Wetterprognosen zu suchen. Der Sommer ist zwar nicht dabei, aber auch keine Starkwindphase wie bisher. Und das Hafengeld für heute brauche ich nicht zu entrichten! Da hat sich die Anfrage von vorgestern ja gelohnt. Auch heute gibt es wieder Fisch, dieses Mal geräuchert, aber ich musste lange dafür anstehen! Die Räucherei hinter dem Fischereihafen ist sehr gut und demzufolge stark frequentiert.

Sonnabend, 11.07.2015: Simrishamn – Hällevik, 31 sm, 6:00 Std.

Ich werde gegen sechs Uhr wach, weil etwas fehlt: Das Schiff ruckt nicht mehr an den Leinen und es ist still, windstill. Da hält es mich nicht mehr in der Koje, trotz der 14° C Außentemperatur. Im Schiff ist es nicht wesentlich wärmer. Nach der üblichen, täglich gleichen Prozedur wird das Boot se-gelklar gemacht. Um kurz nach neun starten wir, setzen die Segel und trödeln hoch am Wind mit 3 kn nach Norden. Endlich! Doch es ist ein kurzes Vergnügen. Noch am Vormittag schläft der leichte NW ein. Die restlichen 28 sm müssen wir mit der Maschine zurücklegen. Es ist wie verhext, entweder ist zu viel oder zu wenig Wind. Auch in Hällevik ist viel Platz. Die letzten stürmischen Tage haben wohl so manchen Törnplan durcheinander gebracht.
Hällevik ist immer eine Übernachtung wert. Zudem kann man sich hier gut versorgen und auch die Räucherei hat einen sehr guten Ruf. Die Chefin stammt übrigens aus Deutschland, und wenn ihr Sohn mit im Laden ist, kann man auch in der Muttersprache bestellen. Auch das Umfeld ist bestens für längere Spaziergänge geeignet. Berühmt sind zudem die Freiluft-Jazzveranstaltungen im Sommer oder das Sommerfest am Hafen mit viel Folklore.

Sonntag, 12.07.2015: Hällevik - Karlskrona Dragsö, 32 sm, 7:35 Std.

Heute Nacht hat es im Hafen noch recht ordentlich geweht. Zum Frühstück müssen wir die Tischdecke mit Tassen beschweren, damit sie nicht wegfliegt. Es sind immer noch 5 Bft. Als wir eine Stunde später ablegen, reicht es nicht mehr zum Segeln. Das Groß bleibt stehen, die Genua wird wieder eingerollt. Etwas weiter draußen kräuselt ein schwacher Windhauch das Wasser. Der Blister kommt aus dem Sack. Damit schaffen wir 2,2 kn. Das ist zu wenig, um Karlskrona zu erreichen, so muss die Maschine wieder aushelfen. Als gegen 11.00 Uhr die Südspitze von Hanö hinter uns liegt und wir auf Kurs 065° gehen, kommt der Wind wieder. Nun kann der Blister für Fahrt sorgen. Es sind erfreuliche 4 bis 5 kn. Es wird ein Segelvergnügen! Nun sind wir schon 14 Tage unterwegs und dieses ist unser vierter Segeltag, so etwas haben wir noch nie erlebt. Das Vergnügen endet um 15.45 Uhr an der Klappbrücke von Haslö. Bis zur Öffnung um 16.00 Uhr kreuzen wir nur mit dem Groß vor der Durchfahrt. Als das grüne Licht für uns freie Fahrt signalisiert, nähern wir uns zügig der schmalen Durchfahrt. Das hält aber einen „Großyachty“ nicht davon ab, uns von der anderen, der gesperrten Seite, entgegenzukommen. Offensichtlich sind wir zu klein. Es ist zum Glück nichts passiert, außer ein paar Schweißperlen auf der Stirn, aber ich ärgere mich doch. Gute Seemannschaft muss immer häufiger dem Egoismus weichen. Am inzwischen bedeckten Himmel bildet sich ein deutlicher Halo, ein sicheres Zeichen für nahenden Regen. Der Wind weht weiterhin mit 4 Bft. aus WSW, ideal um unter Segel bis in den KSS, den Segel-Club von Karlskrona auf Dragsö zu kommen. Auch hier ist noch viel Platz und so liegen wir geschützt in der ersten Reihe. Wir sind hier gerne, weil es ruhig ist, die Menschen freundlich und das Angebote für Gäste vielseitig. Das geht von kostenlos auszuleihenden Rädern über Sauna, Waschraum und WLAN. Der gegenüber liegende Campingplatz stört so gut wie gar nicht.

Montag, 13.07.2015: Karlskrona Dragsö – Karlskrona Saljö, 6 sm, 1:30 Std.

Nachts hat es kräftig geregnet, aber am Morgen scheint die Sonne und trocknet das Schiff schnell ab. Das Frühstück dauert etwas länger, weil es hier so schön ist. Doch der Wind lädt zum Segeln ein. Er kommt immer noch aus der gleichen Richtung und ist so stark, dass wir die Genua nur zur Hälfte ausrollen. Über Land bilden sich dunkle Quellwolken, so dass wir vorsichtshalber das Ölzeug bereit legen. Oft hat das ja abschreckende Wirkung auf den Regen. Plötzlich zeigt das Echolot 66 m an, wo es nur 8 m sein können, dann wieder 1,40 m und wenig später nur noch ERROR. – Und das mitten im Schärengewirr südlich von Karlskrona bei dichtem Schiffverkehr. Ich kann mich jetzt nur noch auf den Kartenplotter in die langjährige Reviererfahrung verlassen. So können wir nicht weiter. Wir segeln bis Säljö im Tonnenstrich und biegen dann ab in unsere beliebte Ankerbucht. Hier will ich der Sache auf den Grund gehen. Vor Anker liegend baue ich den Geber des Echolots aus. Im Gehäuse ist etwas wenig Öl. Wahrscheinlich haben sich Luftblasen gebildet, die den Empfang gestört und schließlich unmöglich gemacht haben. 20 ml Motoröl beheben den Schaden, aber den-noch eine aufwändige und schmierige Angelegenheit – aber der Tiefenmesser funktioniert wieder.
Zum Freuen bleibt keine Zeit. Tiefschwarze Wolken hängen über uns und Donnergrollen kündigt das nahende Gewitter an. Dann soll es so sein, es geht nicht weiter; mit 6 sm sicher kein bemerkenswertes Etmal. Wir schließen rasch alle Luken, auch die Kuchenbude und warten ab. Nachdem das Unwetter durchgezogen ist, von dem wir in dem geschützten schmalen Fjord kaum etwas abbekommen haben, schläft auch der Wind ein. So ist dann auch die letzte Hoffnung auf ein Weiterkommen geschwunden. Dafür verleben wir einen der seltenen schönen und romantischen Sommerabende, die diese Landschaft hier auszeichnen. Alle Mühen sind vergessen.

Dienstag, 14.07.2015: Karlskrona Saljö - Bergkvara, 33 sm, 7:30 Std.

Gestern am Abend kam noch ein Segelboot in den Fjord, dass etwa 50 m vor uns am Felsen festmachte. Es waren wohl vier junge Leute. So etwa um 23.00 Uhr fing dann die Party an. Anschließen gingen sie baden, erklommen die etwa 10 m hohe, steile Felswand und stürzten sich von dort mit lautem Kreischen in die Tiefe. Dann wurde gelacht und laut erzählt. Anschließend begann das gleiche Prozedere noch einmal. Weit nach Mitternacht bereitete ein heftiger Regenguss dem Treiben ein Ende. Die Natur hilft sich eben selbst. Doch auch der Regen ließ uns nicht einschlafen.
Etwas müde wachen wir auf. Da hilft auch nicht das Bad in 15° C kaltem Wasser. Zum ersten Mal schwimmen wir in der Ostsee, und wie sich später herausstellt, auch zum vorletzten Mal. Ein fürwahr kaltes Vergnügen. Da ziehe ich dann doch die warme Hafendusche vor. Auch die spärlich scheinende Sonne erwärmt uns nicht. So rosig sieht der Tag nicht aus: wenig Wind, viele Wolken. Gegen neun Uhr machen wir uns auf die Socken. Draußen reicht dann der westliche Wind doch noch für eine angenehme Fahrt mit 4 kn.
Leider hält er nicht durch. Als wir bei Hommenabben in den Kalmar-Sund einbiegen, dreht auch der Wind. Statt einer guten Halbwindbrise weht nun ein achterlicher Süd-West. Zuerst baumen wir die Genua aus, dann wechseln wir diese gegen den Spi. Doch am Nachmittag wird die Fahrt dann so gering, dass es sinnvoller ist, mit der Maschine zu fahren, um in Bergkvara noch Zeit für einen Spaziergang zu haben.
Es gibt noch einige freie Liegeplätze. Dafür ist der Campingplatz, der mit dem Hafen organisatorisch verbunden ist, nahezu ausgebucht. Das bedeutet, dass man an den Toiletten und beim Waschraum anstehen muss. Hier werden wir nicht länger als notwendig bleiben.

Mittwoch, 15.07.2015: Bergkvara – Kalmar, 21sm, 4:45 Std.

Bis zum Frühstück scheint noch die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Das Barometer ist auf 1016 hPa geklettert. Doch mit 17° C ist es recht kalt. Der einsetzende Westwind bringt zwar einige Wolken, aber auch ideale Segelbedingungen. Im Vorhafen setzen wir das Groß und navigieren mit aller Sorgfalt durch das nord-östliche Fahrwasser von Bergkvara.
Im Kalmar-Sund wird dann die Genua ausgerollt. Das beschert uns satte 5 kn Fahrt. So schön kann Segeln sein. Doch ich habe den dringenden Verdacht, dass Rasmus uns foppt. Kaum lehnen wir uns entspannt zurück, lässt der Wind nach. Nach einer Phase beherrschter Geduld holen wir den Blister aus dem Sack. Da frischt der Wind natürlich auf und das bunte Segel bekommt ganz dicke Backen und ich schmerzende Hände. Dann wechselt der Wind ständig die Richtungen, so dass wir unablässig in Bewegung sind. Schließlich geht ihm der Atem aus – vermute ich -. Kaum ist der Blister im Vorschiff verschwunden und der Motor an, setzt der Wind wieder ein, dieses Mal aus südlicher Richtung. Doch nun schlage ich zurück: wir bergen auch noch das Groß und verzichten auf die unzuverlässige Hilfe von Rasmus.
Am frühen Nachmittag laufen wir in Kalmar ein. Im Hafen sind überall noch freie Plätze, doch die Stadt ist überfüllt. Es sind Sommerferien in Schweden. Sommerlich präsentiert sich auch die Stadt mit 25° C und leichten Wolkenschleiern. Beste Gelegenheit, die Vorräte wieder aufzufüllen und die Beine in Bewegung zu bringen. Wir pilgern mit Rucksäcken ins Einkaufszentrum „Giraffen“, das sind gefühlte 5 km und mit reicher Beute wieder zurück. Das macht den Weg doppelt so weit.
Es folgt ein erholsamer Sommerabend mit Rotwein, Salzgebäck und Spielen bis zur Abenddämmerung – und das ist kurz vor Mitternacht.

Donnerstag, 16.07.2015: Kalmar – Timmernabben, 24 sm, 5:15 Std.

Der Westwind bleibt uns treu! Heute soll er laut Wetterbericht bis zu 5 Bft. wehen. Wir haben es nicht eilig, frühstücken in aller Ruhe, machen uns segelfertig und begeben uns hinaus auf den Sund. Dort empfängt uns ein westlicher Wind mit 3 Bft., das heißt: Vollzeug. Mit einem Schrick in der Schot schafft die Trio bis zu 6 kn. Wir halten uns so dicht wie möglich unter der Festland-Küste, da hier die Welle noch nicht so hoch ist. Das Segelvergnügen dauert vier Stunden bis zum Leuchtturm Silansen. Von hier aus wollen wir in das Fahrwasser nach Timmernabben einbiegen; das ist ein Nordwest-Kurs. Da der Wind inzwischen 4 Bft. erreicht hat, muss die Segelfläche verkleinert werden. Das bedeutet Arbeit! Genua teilweise einrollen und das erste Reff einbinden. Das Ergebnis ist nicht befriedigend. Durch das Reffen verlieren wir an Höhe. Dann nimmt der Wind stetig zu und das Fahrwasser wird immer enger. Nach einer halben Stunde entschließen wir uns, die Genua ganz einzurollen und wenig später auch das Groß zu bergen, weil der Wind weiter zunimmt.
Das Anlegen in Timmernabben ist recht schwierig. Es ist wenig Platz zum Manövrieren und der Wind fällt seitlich ein. Die Hauptlast tragen die Fender und der Steuermann sieht hilflos dabei zu. Doch es geht alles ohne Schäden ab und wir sind froh, im sicheren Hafen zu sein.
Nach dem Aufklaren hält uns wenig auf dem Schiff. Die Neugier treibt uns in den nahen Wald. Was machen die Blaubeeren? Sie haben sich gut entwickelt. In einer Stunde haben wir fast zwei Liter Beeren gesammelt. Das ist mehr, als wir heute essen können. Gut versorgt sind wir noch von gestern in Kalmar. So bleibt uns der weite Weg zum Kaufmann erspart. Während wir die frischen Blaubeeren mit Milch und Zucker genießen, diskutieren wir, wie es weitergehen soll. Die Prognosen deuten darauf hin, dass die Westwindlage bleibt und auch die Sturmtiefs. Es wäre natürlich jetzt einfach, im geschützten Schärengürtel weiter nach Norden zu segeln. Aber wir müssen auch die ganze Strecke wieder zurück. Zudem hat sich Renè gemeldet und angekündigt, dass er Anfang August mit seiner Freundin nach Berlin kommt. Dass war so geplant und die Nachbarn sind auch informiert, aber allzu lange wollen wir die beiden nicht alleine in unserer Wohnung lassen. Und um es ehrlich zu sagen, die vielen Hafentage haben unseren Elan mächtig gebremst. Am Ende steht der Entschluss fest: Wir kehren um!

Freitag, 17.07.2015: Timmernabben – Mörbylånga, 32 sm, 6:50 Std.

Renate wird um fünf Uhr wach. Ein müder Blick durch die Luke zum Himmel genügt. Er ist strahlend blau. Nach der Kontrolle des Windmessers ist die Müdigkeit restlos verflogen: WNW 4! Es ist so kalt, 14° C im Salon, das auch das Bad im Sund ausfällt. Dadurch können wir schon um 06.2015: Uhr ablegen und sofort die Segel setzen. Mit ausgebaumter Genua sind wir nach einer Stunde schon im Kalmar-Sund und ändern unseren Kurs in südliche Richtung. Der Nordwest-Wind ist ein Geschenk, er beschert uns permanente 5 kn Fahrt, als Spitze sogar 6,2 kn. Ein Tag zum Jubeln! Schon um 11.30 Uhr sind wir wieder in Kalmar, tanken und verlassen nach einer halben Stunde die schöne Stadt wieder.
Ich hatte gehofft, mit dem Wind bis Kristianopel zu kommen. Aber leider dreht der Wind immer weiter auf Südwest und wird schwächer. Damit ist unser geplantes Ziel nicht zu erreichen. Neunzig Minuten können wir noch Segeln, dann beträgt die Fahrt weniger als 2 kn. So bleibt nichts anderes übrig, als die Segel zu bergen und mit der Maschine den etwa eine Seemeile entfernten Hafen von Mörbylånga auf Öland anzulaufen.
Die Enttäuschung ist nicht besonders groß, weil wir den Hafen lieben. Man liegt hier bei nordwestlichen Winden zwar recht unruhig, wird aber durch das Ambiente des Ortes entschädigt. Besonders beeindruckt das Sanitärgebäude. Vor etwa drei Jahren in futuristischem Stil erbaut, besticht es durch Sauberkeit und Schick. Blumen im Bad, Bilder an den Wänden und ausgewähltes Informationsmaterial im Vorraum. Duschen mit Ostseeblick! Waschmaschine und Trockner kostenlos!
Auffallend sind im Ort die rechtwinklig angeordneten breiten Straßen, die den Ort in quadratische Quartiere teilt, in denen rundum ein- bis zweistöckige Holzhäuser mit großen, bunt bepflanzten Gärten stehen. Das Zentrum bildet ein großer parkartiger Platz mit altem Baumbestand. Der gut Deutsch sprechende Hafenmeister erzählt mir später, dass Mörbylånga im 19. Jahrhundert ein kleines Fischerdorf auf einer kleinen Insel war, die vor Öland lag. Um das Marktrecht zu erhalten, wurde die Wasserfläche zwischen den Inseln zugeschüttet und der Marktplatz in der heutigen Form angelegt. Doch die Bewohner wollten mehr, wollten das Stadtrecht. Dazu legten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Esplanaden“, die breiten Straßen an. Der Ort erhielt allerdings nur eingeschränkte Stadtrechte („Minderstadt“), die 1952 wieder aufgehoben wurden, als der Landkreis Mörbylånga gegründet wurde.

Sonnabend, 18.07.2015: Mörbylånga – wetterbedingter Hafentag

Um sechs klingelt der Wecker. Ein Blick nach draußen eröffnet nur eine Perspektive: wieder in die Koje. Typisch Süd-West-Wetter, Nieselregen, wenig Wind, aber wärmer als gestern. Das motiviert nicht zum Segeln, nicht mal zur Ölzeugtour mit dem Motor. Das müssen wir uns nicht antun. Gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf, ballt sich aber gleich wieder zu dunklen Schauerwolken zusammen, die dann in dichter Folge über den Sund ziehen. Am Nachmittag hört der Spuk auf, aber jetzt ist es zu spät, um nach Kristianopel zu segeln. Wir schlendern also durch den Ort und kaufen auf dem Marktplatz die wohl letzten Erdbeeren des Sommers, schöne aromatische Öländer.
Abends habe ich bei einem Bier wieder einen längeren Plausch mit dem Hafenmeister über die Schönheiten Ölands, seine wechselvolle Geschichte, die Kriege zwischen Schweden und Dänemark und kommen zu dem Schluss, dass wir heute auch nicht viel klüger sind und wenig aus der Geschichte gelernt haben und uns nach wie vor wegen des Glaubens prügeln.

Sonntag, 19.07.2015: Mörbylånga – wetterbedingter Hafentag

Die Hoffnung, heute ein Stückchen weiterzukommen wird „vom Winde verweht“. Auf dem Sund haben sich weiße Schaumkronen gebildet. Das Barometer fällt seit gestern beständig. Der Wind bläst mit 5 Bft. aus WSW und drückt das Wasser in den Hafen. Es wird etwas unruhig an der Boje. Das ist nichts für uns, das haben wir schon mehrfach probiert und sind zu dem Schluss gekommen: nie wieder!
Anfangs ist der Himmel noch wolkenlos, es bleibt aber trocken. Wir nutzen die Zeit zu einem ausgedehnten Spaziergang durch die Feuchtbiotope am Rande des Ortes.

Montag, 20.07.2015: Mörbylånga - Torhamn, 36 sm, 7:50 Std.

Um drei Uhr werden wir wach. Es regnet, der Wind pfeift und deutlich ist die Brandung an der Hafenmole zu hören. Renate stellt den Wecker ab. Um sechs treibt mich die Blase nach draußen. Immer noch Nieselregen, aber der Wind hat auf West gedreht und auf 8 bis 10 kn abgenommen. Über dem Festland zeigt sich ein Sonnenstreifen. Renate ist inzwischen auch wach. Beide sind wir der Meinung, es lohnt sich aufzustehen. Wir duschen – mit Ostseeblick, frühstücken unter der Kuchenbude und bereiten uns anschließend auf das Segeln vor. Großes Aufgebot: Ölzeug, Lifebelt, erstes Reff. Im geräumigen Hafen setzen wir die Segel und dann nichts wie raus. Den Kurs von 216° können wir gut halten. Schon bald lösen wir das Reff und rollen die Genua ganz aus. Nun laufen wir bis zu 5 kn. Es ist anspruchsvolles und anstrengendes Segeln, weil der Wind nach und nach zunimmt. Ich versuche so hoch wie möglich zu segeln ohne groß an Fahrt zu verlieren, um dichter an die Leeküste zu kommen. Hier ist die Welle nicht zu hoch. Aber die Küste ist flach und steinig, dichter als 2 sm kommen wir nicht. Über uns hinweg ziehen dicke Regenwolken, doch nur eine macht uns nass. Da ist Neptun viel effizienter! So manche Welle spült über das Schiff und der eine oder andere Brecher findet den Weg bis ins Cockpit. Gegen 13.30 Uhr reffe ich wieder das Groß und rolle dreiviertel der Genua ein. Es wird jetzt ungemütlich. Der Windmesser zeigt in Böen einen scheinbaren Wind von bis zu 30 kn. Renate möchte nach Sandhamn, aber das passt mir gar nicht. Mit zwei oder drei Kreuzschlägen könnten wir in Hommenabben sein und geschütztes Fahrwasser erreichen. Wer weiß, was morgen ist. Ich möchte unbedingt den Kalmar-Sund hinter mir lassen. Ich kann sie überzeugen durchzuhalten. Um 15.00 Uhr erreichen wir das Schärenfahrwasser nach Karlskrona. In zwei Stunden könnten wir den Ankerplatz bei Säljö erreichen. Aber wir sind „fertig“. 20 Minuten später nehmen wir die Peilung nach Torhamn, bergen die Segel und navigieren vorsichtig in den kleinen Hafen. Hier liegen nur zwei Segler, also Platz genug, um problemlos an der Kaimauer anzulegen. Ich bin froh, den unberechenbaren Sund hinter mir zu haben.

Dienstag, 21.07.2015: Torhamn – Karlskrona Dragsö, 13 sm, 3:00 Std.

Die Sonne weckt uns nach einem erholsamen Schlaf. Wir wollen weiter. Der Westwind hat sich beruhigt, es ist perfektes Segelwetter. Doch wir haben die Rechnung ohne den Wirt, sprich Rasmus, gemacht. Um 09.30 legen wir ab, um 09.50 biegen wir ins Schärenfahrwasser ein. Fast keine Welle, die Trio gleitet nahezu lautlos durchs Wasser. Ist das eine Freude! Eine Stunde später passieren wir die Hochbrücke Möcklö. Hier erwischen uns die ersten Schauerböen, dann fängt es an, intensiv zu regnen. Die Sicht wird schlechter. Ich habe keine Lust, unter diesen Bedingungen durch die Fahrwasser rund um Karlskrona zu segeln. Wir bergen das Tuch und benutzen den Motor. Renate mault etwas, Segeln wäre schöner, meint sie. Um 12.30 machen wir im Segel-Club von Karlskrona fest. Inzwischen hat sich auch das Wetter beruhigt. Das Barometer zeigt 1011 hPa, das Thermometer 21° C an. Nach einem gemütlichen Kaffee an Bord nehmen wir uns zwei der dort kostenlos auszuleihenden Räder und fahren von Dragsö in die historische Innenstadt. Heute bleibt die Kombüse kalt, wir essen am Marktplatz eine Pizza, jeder eine.
An Bord nutze ich das Angebot des freien Internetzugangs und suche nach Wetterprognosen für die nächsten Tage. Aber je mehr ich lese, desto verworrener ist die Erkenntnis. Nur so viel steht fest: der Westwind bleibt, mit der Tendenz auf südliche Drehungen, aber Schwachwindtage sind nicht in Sicht.

Mittwoch., 22.07.2015: Karlskrona Dragsö - Tjärö, 24 sm, 5:20 Std.

Laut Wetterbericht können wir heute nicht segeln, also schlafen wir etwas länger. Doch im Hafen rührt sich kein Lüftchen. Das Barometer ist konstant bei 1015 hPa, es ist zwar kühl, 17° C, aber trocken und die Sonne schaut gelegentlich durch die Wolkenlücken. Bis Tjärö, unserem nächsten Wunschziel sind es 20 sm reiner West-Kurs. Wir wollen es versuchen, zumal wir genügend Alternativen haben: die Häfen von Göholm oder Ronneby sowie das Schärenfahrwasser mit vielen Ankermöglichkeiten. Um 10.40 Uhr legen wir ab. Außerhalb des geschützten Hafens empfängt uns ein SSW-Wind mit 2 Bft. Bis zur Brücke müssen wir jedenfalls mit dem Motor fahren, damit wir die Brückenöffnung um 12.00 Uhr nutzen können. Aber schon unterwegs stellen wir eine stetige Zunahme des Windes fest. Nachdem die Drehbrücke hinter uns liegt, setzen wir die Segel. Jetzt zeigt der Windmesser im Mittel schon 10 bis 12 kn an, zunehmend. Wenn wir uns konzentrieren, können wir die Insel Tarö anliegen ohne zu kreuzen. Es gibt zwar Spritzwasser, aber im Cockpit unter den Sprayhood bleiben wir trocken. Gegen 14.00 Uhr müssten wir vernünftigerweise reffen, aber das Schiff läuft permanent mit 5 kn und mehr. In einer Stunde wären wir in Tarö, danach hätten wir achterlichen Wind. Deshalb arbeiten wir mit dem Groß und vermeiden so den „Sonnenschuss“.
Vor Tarö ist dann reichlich bis viel Wind und Welle. Wir bergen das Groß, weil bei der Dünung eine Patenthalse nicht auszuschließen ist. Nur mit der Genua macht die „Peer Gynt“ immer noch 4 kn Fahrt Richtung Tjärö. Hier in den Buchten der Inseln liegen ungewöhnlich viele Boote, so dass wir befürchten müssen, unseren Lieblingsankerplatz besetzt vorzufinden. Aber wir haben Glück. Zur besten Kaffeezeit liegt die Trio mit Heckanker und doppelter Landverbindung sicher am nördlichsten Punkt der Insel Tjärö. Wir erklimmen die Felskuppe und genießen den Ausblick auf die unvergleichlich schöne Inselwelt. Es folgt ein stiller Abend, kein Laut, kein Wind, nur Natur – und Rotwein. Schöner kann es kaum sein und zufriedener können wir uns kaum fühlen. Morgen soll der Wind auf Nordwest drehen, ideal um nach Hanö oder Hällevik zu kommen.

Donnerstag., 23.07.2015: Tjärö – Karlshamn Svanevik, 9 sm, 3:30 Std.

Ein wunderschöner Morgen, morgens um sechs. Der Wetterbericht hat für den Vormittag einen südwestlichen Wind von 3 Bft. vorhergesagt, der mittags auf Nord-West 4 bis 5 drehen soll. Das wä-re ja ideal. Da wir nichts Besonderes vorhaben, wollen wir uns ein erfrischendes Bad gönnen. Dazu lösen wir die Landverbindung und wollen die Trio vor Anker legen, weil am Ufer das Wasser flach und krautig ist. Sinnvollerweise verwenden wir den noch ausliegenden Heckanker, den ich nun mit etwas weniger Leine am Bug belege. Erfrischt vom 17° C kalten Wasser freuen wir uns auf das Frühstück und vor allem auf den heißen Tee. Doch wieder macht uns Rasmus „einen Strich durch die Rechnung“. Nach der ersten Tasse Tee fegt auch die erste heftige Bö über das Schiff hinweg. Die zweite bringt das Schiff zum Driften, der – kleinere – Heckanker hält nicht. Wir verholen uns weiter unter Land. Hier halten die Felskuppen den Wind ab, aber die Gemütlichkeit ist hin. Wenig später ist das Schiff segelklar. Vorsichtshalber habe ich das erste Reff gleich eingebunden. Dann geht es los. Hinter der Nordspitze von Tjärö legt sich die Trio zum ersten Mal auf die Seite. Von Nord-West keine Spur, eher Südwind oder SSW. Das wird hart. Dann kommt der nächste Drücker mit 26 kn. Von der Genua ist nur noch ein kleines Dreieck draußen. Von uns hinter der Insel nicht bemerkt, hat sich eine beachtliche Welle aufgebaut. Jedes Mal, wenn das Schiff in das Wellental taucht, fährt es wie gegen eine Wand. Die Fahrt ist raus. Wir haben auch zwischen den vielen Schären keinen Raum, um die Wellen auszusteuern. Es gibt für uns nur die Alternativen zurück hinter die Insel und abwarten oder im Schärenfahrwasser versuchen, nach Karlshamn zu kommen. Ich entscheide mich für Karlshamn. Dort haben wir die Wahl zwischen drei geschützten Sportboothäfen und dem Stadthafen. Vielleicht lässt der Wind ja doch nach oder dreht auf Nord-West.
Der Wind lässt nicht nach und dreht auch nicht. Letztendlich sind wir froh, unbeschadet den Hafen von Svanevik zu erreichen. Wir haben die Wahl, an einem schier endlos erscheinendem Steg zu liegen oder gleich hinter der Mole in eine Box zu fahren. Wir wählen die Box, nicht ahnend, dass wir, um aufs Klo oder die Duschen zu kommen, um die ganze Bucht laufen müssen. Und das ist sicher ein Kilometer. Wir verbinden das Notwendige mit dem Gewollten. Wir möchten noch in die Stadt, das sind aber, stellen wir beim Hafenbüro fest, mehr als drei Kilometer. Doch leider ist der Hafenmeister nicht da und deshalb können wir uns auch keines der vielen Fahrräder ausleihen. Wir gehen deshalb zu Fuß in den benachbarten Fischereihafen. Hier ist es wie in einer Großstadt beim Sonntagsverkauf. Im Zentrum des Hafens liegt eine Räucherei mit Restaurant – und beides muss gut sein. Überall stehen Menschen an. Dazu haben wir keine Lust und reduzieren unsere Ansprüche auf die Bordküche. Die ist auch nicht schlecht. Bislang hatte ich keinen Grund zum Meckern.

Freitag, 24.07.2015: Karlshamn Svanevik -Simrishamn, 40 sm, 8:45 Std.

Es ist ruhig im Hafen und „saukalt“! 12° C im Salon! Nachts habe ich gefroren. Aber jetzt scheint die Sonne und unter der Kuchenbude wird es warm wie in einem Gewächshaus. Das Barometer ist auf 1018 hPa gestiegen. Mein Bauchgefühl sagt mir: So schnell wie möglich raus und Segel setzen. Der Wetterbericht sagt etwas anderes. Laut des mittelfristigen Wetterberichts sollen es westliche Winde von 3 bis 2 Bft. sein. Erst am Sonntag kommt ein neues Sturmtief. Der Deutsche Seewetterdienst von heute, 06.00 Uhr verspricht vormittags umlaufende Winde, auf Ost drehend und zunehmend auf 5 bis 6 Bft. Ich folge meinem Bauchgefühl.
Draußen sind nicht einmal umlaufende Winde. Trotzdem setzen wir das Groß – als Motivation. Wir haben genug Alternativen: Hanö, Hällevik, Åhus und nach Möglichkeit das Wunschziel Simrishamn.
Mittags kommt Wind auf, aber aus Süden. Wir rollen die Genua aus und fallen ab auf Kivik. Wenn der Wind auf Ost dreht, können wir den Verlust an Höhe wieder ausgleichen. Dann kommt die erhoffte Drehung auf Süd-Ost. Wir können Simrishamn gut anliegen, - aber leider nur für eine halbe Stunde. Dann ändert sich urplötzlich die Windrichtung auf Süd-West. Ich rolle die Genua ein. Im Minutentakt nehmen Wind und Wellen zu. So gegen 14.00 Uhr stampft sich die Trio fest, die Fahrt geht auf 2,5 kn runter. Wir fallen wieder ab auf Kivik. So können wir segeln und gelangen unter die Leeküste. Dann wollen wir dicht unter Land versuchen, Simrishamn einigermaßen trocken zu erreichen. Nach einer Stunde sind wir so weit unter Land, dass die Wellen uns nichts mehr anhaben können. Mit Kurs 200° steuern wir auf Simrishamn zu. Wir sind nicht die einzigen, die diesen Weg wählen. Vor der Hafeneinfahrt wird es noch einmal ungemütlich. Die Trio tanzt, so dass es sicherer ist, die Segel erst im Vorhafen zu bergen. Diese Absicht haben aber auch zwei weitere Segler. Wir müssen höllisch aufpassen, Fehler kann man sich jetzt nicht leisten. Es geht alles gut und 15 Minuten später liegt das Schiff sicher in einer Box.
Abends ruft überraschend Hanne Willing an. Er liegt in Ystad. Vielleicht treffen wir uns auf Bornholm oder anderswo.

Sonnabend, 25.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

Das Barometer ist auf 1006 hPa gefallen, um 6 hPa in den letzten zwei Stunden. Unser Windmessen zeigt Böen von 34 kn aus Ost an. Der Wind drückt das Wasser in den Hafen, es ist unruhig. Zum Frühstück gibt es Gewitter. Der Wetterbericht ist hochsommerlich: Ost 5-6 Bft. langsam zunehmend auf 7 Bft., rückdrehend, schwere Gewitterböen. Aussichten bis Sonntagabend, West 7 zeitweise 8 Bft., orkanartige Böen.
Auf der Wiese neben dem Hafen hat ein Rummel seine Tore geöffnet. Um bei dem Sauwetter wenigsten ein paar Unentwegte herbeizulocken, spielt die Musik ausdauernd und laut. In einer Regenpause gehen wir in die „Stadt“. Hier tobt das Leben. Es ist beängstigend voll. Vor der Kirche steht ein großer Sattelschlepper, umgebaut zu einer Musikbühne. Hier rockt eine Band, als gälte es die 17° C zu verdoppeln und das Heulen des Windes zu übertönen. Die Musik ist aber wirklich mitreißend. Wir halten aus, bis uns der nächste Schauer wieder zurück aufs Schiff treibt.
Abends ist großes Sommerfest im Segel-Club. Tagsüber ist ein großes Festzelt und eine sturm- und regensichere Bühne aufgebaut worden. Da dürfen wir nicht fehlen. Auch hier bleiben wir, bis tiefschwarze Wolken den nächsten Platzregen ankündigen. Doch wir sind zu früh gegangen, es regnet nicht. Aber an Bord hört man auch die Musik. Der Rummel hat um 21.00 Uhr seinen Betrieb eingestellt. So endet der Tag bei einem Gläschen Sekt unter der Kuchenbude im Kerzenschein.

Sonntag, der 26.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

„Was tun?“ sprach Zeus ... Auszug aus dem heutigen Wetterbericht: Tief 997 hPa Niederlande, vertiefend, NE-ziehend, Sonntagfrüh als Sturmtief 991 hPa Südschweden. Mein Barometer zeigt 1003 hPa an. Vor dem Hafen kräuselt sich das Wasser. Der Windmesser zeigt 16 bis 18 kn, in Böen 26 kn. Also, was tun? Nach Bornholm sind es mindestens 25 sm, nach Ystad auch, aber gegen einen Westwind von 5 bis 7 Bft., Tendenz abnehmend. Von Sturmtief spüren wir nichts. Sollen wir es wagen? Bis Sandhammaren, der Südspitze Schwedens hätten wir Landschutz, aber dann 16 sm gegen Wind und Welle, das sind wenigstens vier Stunden. Halten wir das durch? Was ist, wenn einer von uns seekrank wird?. Nach Bornholm hätten wir bei dem Fetch mit einer Wellenhöhe von 2 m und mehr zu rechnen. Da wird das Einlaufen in Hasle oder Nørrekås zu einem Risiko. Das ist nichts für ein Boot von 8 m und einem Besatzungsalter von 148 Jahren.
Wir bleiben im Hafen und stellen am Abend fest, dass wir wohl auch hätten Segeln können. Morgen soll es laut Wetterbericht nicht besser sein, aber Besserung ist in Sicht. Wir rufen Hanne an und verabreden uns in Ystad.

Montag, 27.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

René hat angerufen und uns mitgeteilt, dass er am 3. August, seinem Geburtstag, mit seiner Freundin in Berlin sein wird. Jetzt haben wir die Situation, die wir unbedingt vermeiden wollten. Den Druck, unbedingt nach Hause zu wollen. Die Wetterprognosen haben sich nicht zum Positiven geändert. SE-Wind mit 4 bis 5 Bft. das hieße 25 sm gegen an mit alter Dünung. Morgens um fünf regnete es, aber es war windstill und mit 15° C sehr kalt. Deshalb habe ich Renate gar nicht erst ge-weckt.
Beim späten Frühstück sehen wir eine Yacht nach der anderen auslaufen. Es ist Flaute im Hafen, kein SE, der Regen hat nachgelassen. Ich kann mich nicht entschließen umzudisponieren.
Um 12.00 Uhr nehmen wir den Zug nach Ystad und sitzen eine Stunde später bei Gisi und Hanne an Bord. Das Wetter ist auch hier das Thema, das uns bewegt. Auch Willings sind unzufrieden mit der Situation, aber schließlich auch machtlos. Nach Norden könnte man ganz entspannt segeln, aber Berlin liegt ferner denn je.
Wir schlendern auf den Spuren Wallanders, trinken Kaffee und essen gemeinsam in einer Pizzeria. Zurück im Hafen treffen wir auf einige Yachten, die ich morgens noch in Simrishamn gesehen habe.

Dienstag, 28.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

Es lohnt sich nicht aufzustehen. Regenschauer in dichter Folge, 17° C und böiger Wind aus W-SW.
Wir frühstücken lange bei guter Musik vom schwedischen Regionalsender auf UKW 102,2. Beim Gang zur Dusche sehen wir den Fischer einlaufen. Das wird unser nächster Gang sein. Ein Dorsch und zwei Skrubben begleiten uns an Bord. Für die nächste Stunde habe ich zu tun, daraus grätenfreies Filet zu schneiden. Dazu müssen die Fische abgezogen werden, was bei Skrubben mühsam ist, weil sie in „Sandpapier“ gekleidet sind und sehr an ihrer Haut hängen. Schließlich sind zwei Mahlzeiten im Kühlschrank.
Nachmittags erkundigen wir uns, wo es in Simrishamn eine Autovermietung gibt. Wir wollen morgen mit dem Auto nach Kristianstad, Sölvesborg und Kivik. Ich rufe Willings an, ob sie mit wollen, aber sie haben einen Radausfug geplant.
Den Abend verbringen wir unter der Kuchenbude, unserem Wintergarten, spielen, trinken ein Gläschen Wein (nach dem anderen) und hören Klassik von der CD.

Mittwoch., 29.07.2015: Simrishamn – wetterbedingter Hafentag

Der Wetterbericht verspricht für die südliche Ostsee: (Zitat)... SW 6, zeitweise Gewitterböen, See 2,5 m ... nachmittags ...SW-W 6-7 vorübergehend zunehmend, im Nordteil abflauend. Na prima, holen wir uns also ein Auto. Doch leider hat keiner von uns beiden einen Autoführerschein mitgenommen, weil wir nicht damit gerechnet haben, ihn zu benötigen. Langsam bekomme ich einen Steißbein-Schaden vom vielen Sitzen.
Nachmittags hören die Schauer auf und wir machen uns zu einem langen Spaziergang am Strand entlang. Dabei lernen wir wieder neue Eindrücke von Simrishamn kennen.
Ein Rückruf bei Hanne bestätigt meine Befürchtungen; auch morgen wird es nichts mit dem Segeln jedenfalls nicht nach den Prognosen des Deutschen Seewetterdienstes. Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu und nehmen uns fest vor, nicht die Nerven zu verlieren sondern geduldig auf eine realistische Chance zu warten.

Donnerstag., 30.07.2015: Simrishamn – Skillinge, 8 sm, 1:50 Std.

Wolkenloser Himmel, 18° C, so gut wie kein Wind. Das Barometer steigt. Wir gehen einkaufen und schauen auf dem Rückweg sehnsüchtig aufs Meer. Wieder einmal ist nichts so, wie am Vortag angekündigt. In weniger als einer halben Stunde ist unser Schiff klar zum Auslaufen. Zumindest Skillinge wollen wir erreichen, das ist schon mal 8 sm dichter an Berlin. Von hier aus könnte man bei guten Bedingungen auch Rügen mit einem langen Schlag erreichen.
Anfangs weht es mit 2 kn aus Nord, zu wenig zum Segeln, später mit 4 Bft. aus SW. Da wir aber Skillinge schon sehen können, packe ich die Segel gar nicht erst aus.
Skillinge ist erstaunlich voll. Wir haben nur die Wahl zwischen einem Liegeplatz an der hohen Kaimauer oder einer Box an der Hafeneinfahrt. Ich entscheide mich für den Schwimmsteg, schon wegen des Stromanschlusses und dem nahen Wasserhahn.
Da wir in Simrishamn Fisch gekauft haben, ist jetzt für mich genug zu tun. Renate möchte derweil duschen gehen, doch nirgendwo ist ein Hafenmeister zu sehen. Der Automat, bei dem wir das Hafengeld entrichtet haben, hat den Code für den Sanitärbereich nicht ausgedruckt. Die Zahlenkombination, die uns freundlicherweise Segler genannt haben, war von gestern und nicht mehr gültig. Schließlich finden wir doch noch jemand, der das „Sesam öffne dich“ kennt.

Freitag, 31.07.2015: Skillinge – wetterbedingter Hafentag

Der Vormittag ist unfreundlich, aber es regnet wenigstens nicht. Der Wetterbericht ist demotivierend. Der mittelfristige Wetterbericht für die südliche Ostsee spricht von W-NW 6-7, später abnehmend 5-6 Bft. und einer Welle von 2,5 m. Auch die letzte Meldung um 06.00 Uhr klingt ähnlich schlimm. Wir laufen nicht aus, und alle anderen auch nicht. Im Hafen ist es nahezu windstill. Gegen Mittag dreht der auf südliche Richtung und schickt Wellen in den Hafen. Es wird etwas unruhig.
Nachmittags genießen wir die fast menschenleere, felsige Küste bei einer ausgedehnten Wanderung. Wir beobachten Mönchsgänse und Strandläufer aus nächster Nähe. Die Vögel fühlen sich vollkommen ungestört. Nur eine Graugans beäugt uns aufmerksam. Doch solange wir uns bewegen wird sie nicht misstrauisch. Auf dem Rückweg trauen wir uns in den kleinen Kaufmannladen, dem einzigen im Ort. Ich bin überrascht von dem dort herrschenden Flair. Das ist nicht nur ein „Tante- Emma-Laden“ nein, das Angebot hat auch Stil. Wir kaufen ein handgebackenes Bauernbrot mit Kräutern und Eier aus der „Grabbelkiste“ nach Gewicht. Anschließend machen wir noch einen Abstecher zur kleinen Seemannskirche. Nicht weil uns die Kulturlust treibt sondern eher, weil die Kirchengemeinde mit ihrem Café lockt.
Abends habe ich wieder Zoff mit dem elektronischen Hafenmeister. Ich möchte das Hafengeld von 120 skr bezahlen, den Strom abrechnen und die 100 skr Kaution für die Tellycard zurück haben. Die Stromkosten, für die ich 50 skr im Voraus entrichtet habe, betragen 2 skr. Ich habe also ein Guthaben von 148 skr. Nun möchte ich 28 skr zurück. Der Automat bucht aber eine neue Hafengebühr von 120 skr plus 2 skr Strom, dafür keine Kaution aber behält die Tellycard.. Ich kann das Monstrum nicht davon überzeugen, dass er mir Geld schulde. Vergebens. Nach etlichen Versuchen storniere ich den Vorgang, ziehe meine Visa-Card aus dem Automaten und prelle das Hafengeld. Die mir zustehenden 28 skr spende ich zur Verbesserung der Technik.

Sonnabend, 01.08.2015: Skillinge – Rønne, 24 sm, 5:40 Std.

Das Barometer ist seit gestern um 10 hPa gestiegen. Die Temperatur um sechs Uhr in der Früh beträgt anheimelnde 10° C !!! Uns ist es egal, die Hauptsache ist, wir können segeln. Ein Westwind von durchschnittlich 8 kn schiebt uns Richtung Bornholm. Der Wind hat unseren Heimweg bestimmt, weil Rügen als Alternative nur schwer zu erreichen wäre. Ach, macht das Spaß! Es steht zwar noch eine alte Dünung, aber der Winddruck reicht aus, um das Schiff zu stabilisieren. Bei dem Wind ist auch die Querung des Verkehrstrennungsgebietes keine Hürde. Dank AIS erkenne ich die dicken Pötte sehr frühzeitig und kann darauf reagieren.
Kurz nach 13.00 Uhr machen wir in Nørrekås fest. Zeit genug, um in Rønne zu bummeln, Kaffee zu trinken und die notwendigen Einkäufe zu erledigen. Ab jetzt sind wir „stand by“, bereit jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, direkt nach Swinemünde zu segeln.
Alles deutet darauf hin, dass in den nächsten Tagen nicht mit Sturm zu rechnen ist. Wir hoffen auf Wind aus nördlicher oder östlicher Richtung

Sonntag, 02.08.2015: Rønne – Swinemünde, 74 sm, 14:30 Std.

Um vier klingelt der Wecker. Es ist stockfinster. Kontrollblick: 17° C, leicht bedeckt, Wind mit 6 bis 7 kn aus Ost! Schlagartig bin ich mobil, Renate auch. Schnell, aber ohne Hast erledigen wir routiniert unsere Aufgaben, Renate unter, ich über Deck. Um 05.00 Uhr setzen wir gleich hinter der Hafenmole die Segel und schalten die Beleuchtung ein. Es läuft prima. Uns begleitet ein wunderschöner Sonnenaufgang. Das Schiff liegt ruhig. Während die Elektronik steuert frühstücken wir. In fünf Stunden haben wir bereits 28 sm hinter uns. Leider dreht der Wind immer weiter auf Süd. Wir verlieren an Fahrt, bis wir die notwendige Höhe nach Swinemünde nicht mehr halten können. Soll ich nach Ruden abfallen? Nein, ich will es heute beenden. Die Maschine übernimmt den Vortrieb, der Autopilot steuert, wir ruhen uns aus.
Am Nachmittag dreht der Wind zurück und legt etwas zu. Es ist möglich, den Blister zu benutzen. Das bringt uns jetzt mit 6 kn dem Ziel näher.
Gegen 18.00 Uhr setzt der Wind aus oder ändert spontan seine Richtung. Es sind nur noch 4 sm bis Swinemünde, da habe ich keinen Ehrgeiz mehr, berge alle Segel und überlasse wieder dem Motor das Geschäft. Um 19.10 passieren wir die Mühle an der Hafenmole und laufen 20 Minuten später in die Marina ein. Gleich am ersten Schwimmsteg liegt Hanne und neben ihm ist frei. Ein unglaubliches Gefühl der Erleichterung überfällt mich.
Doch vor dem wohlverdienten Bier kommt der Gang zum Hafenmeister. Hier ist eine Menschentraube vor dem Büro. Rudelbildung. Ich frage nach. Man dürfe nur einzeln eintreten, wurde mir gesagt. Datenschutz? Kaum vorstellbar. Dann verlässt jemand ärgerlich das „Hafenamt“, „Die nehmen nur noch Zloty! Wer keine hat, muss sich diese bei der Wechselstube besorgen.“ „Na so was“, denke ich, „der Euro war bislang immer gleichberechtigtes Zahlungsmittel“. Es kommt Bewegung in das Rudel. Etliche Zahlungswillige gehen zum etwa 20 m entfernten Wechselbüro. Für 10 € bekommt man dort 36,70 PLN. Herzlich wenig! Dann belausche ich ungewollt aber sehr interessiert folgendes Gespräch zweier befreundeter Segler. „Hast du dein Geld nachgezählt?“ „Nö, warum?“ „Mir hat sie 5 Zloty zu wenig herausgegeben. Und als ich das monierte, sagte sie, Entschuldigung, das könne ja mal vorkommen“. Daraufhin zählt der andere sein Geld nach, das er noch in der Hand hält. Und siehe da, es fehlen auch 5 Zloty. Sofort macht er auf dem Absatz kehrt und geht zur Wechselstube. Wenig später kommt er zurück, in der Hand einen 5-Zloty-Schein schwenkend.

Montag, 03.08.2015: Swinemünde– Stettin Goclaw, 31 sm, 7:00 Std.

Wir wollen noch tanken und fahren deshalb zur Tankstelle am Ende des Hafens. Dort warten schon einige. Es ist inzwischen 08.00 Uhr, aber immer noch tut sich da nichts. Nach einer viertel Stunde drehe ich ab. Ich kann auch in Ziegenort tanken. Es ist kein Wind, aber wenigsten Sommer. In der Kaiserfahrt ist Segeln nur bedingt möglich, also hoffen wir auf das Haff. Aber auch dort rührt sich kein Lüftchen. Wir schließen gedanklich mit dem Segeln ab und bergen das Groß, kurz bevor wir in Ziegenort einlaufen.
Dort an der neuen Tankstelle ist Betrieb, kaum eine Liegemöglichkeit an der Kaimauer. Ich drehe also langsam meine Kreise und warte. Da kommt ein schmuckes, nobles Motorboot aus Potsdam, wie ich später feststelle. Der will sich doch etwa nicht ..., doch er will, ganz zielstrebig. Ich drehe meinen Kreis enger und zwinge ihn zum Ausweichen. Nun bleibe ich mit gestoppter Maschine vor der Tankstelle liegen. Die Sitten werden immer rauer, die Hauptsache: ich!
Als wir Ziegenort verlassen und ins Fahrwasser einbiegen, überholt uns Hanne – unter Segel! Inzwischen hat sich ein Schiebewind durchgesetzt, den er gut nutzen kann. Wir wollen nicht mehr und beginnen mit dem „Abwracken“: alle Fallen und Strecker aus den Klemmen lösen und am Mast festlaschen, alle Kabel am Mastfuß trennen.
Um 15.00 Uhr sind wir in Goclaw. Ich bestelle die Kranbedienung zum Mastlegen für 18.00 Uhr. Das geht nicht ohne Druck, ohne die Ankündigung, dass ich dann sofort weiterfahren würde. Wir haben einen schönen Liegeplatz am Schwimmsteg, ideal, weil dann der gelegte Mast andere nicht stört. Nun können wir in aller Ruhe das Mastlegen vorbereiten. Sicherheitshalber deponieren wir den Baum und den Spibaum auf den Steg und lassen auch die Festmacher dort, bevor wir unter die Mastleiter fahren. Der „Befugte“ ist pünktlich, ist aber etwas irritiert, dass mein Heißgeschirr schon komplett angeschlagen ist und er nur – aber ganz vorsichtig! – den Mast aus dem Rumpf ziehen soll. Er hat ein Fingerspitzengefühl wie ein Nilpferd. Zwischendurch muss er anhalten, damit ich das Profilstag über die Reling heben und am Mast befestigen kann. Das klappt nicht so richtig, weil wir uns nicht verstehen. Das Vorstag ist jedenfalls zu lose und rutscht beim Neigen des Mastes seitlich weg. Mit viel Mühe und Angstschweiß gelingt es schließlich, den Mast sicher auf das Gestell zu legen. Inzwischen ist ein Plattbodenschiff eingelaufen und findet meinen Liegeplatz ganz hervorragend. Meine Leinen und Bäume stören ihn nicht, er schiebt sie etwas beiseite. Ich bewege mich mit gedämpftem Zorn auf den Steg und teile ihm mit, dass ich gleich mit gelegtem Mast hier festmachen müsse und zeige dabei auf meine „Platzhalter“. „Ok“, meint er, er werde seinen Klüverbaum hochklappen und sich dann nach vorne verholen. Na, gut, wenn das geht. Wir befestigen den Mast und verholen uns. Der Steg ist nicht ganz so lang wie es nötig wäre. Mein Mastfuß ragt bis über das Cockpit des neuen Vordermanns. Nach einer Weile entschließen sie sich, doch an eine der freien Bojen zu gehen.
Nun möchte ich gerne noch etwas Strom, den ich ja schon bezahlt habe. Leider ist die einzige intakte Steckdose am Steg schon belegt. Ich gehe zum Hafenmeister und bitte ihn, mal nachzuschauen, ob sich vielleicht eine weitere Steckdose in Betrieb setzen ließe. Der zuckt nur mit der Schulter. Nun frage ich den Eigner des Motorbootes, ob ich bitte vielleicht mit einem Doppelstecker ... Ich habe noch nicht ausgesprochen, da winkt er kategorisch ab. „Bei mir nicht!“ Ich frage ihn, ob er Mikrowelle, Heizofen und Fernseher in Betrieb habe, bei 16 A Absicherung ist doch sicher mein Ladegerät mit drin. „Ich habe alles! Sie kommen da nicht ran!“ Na gut, es lebe die Kameradschaft.

Dienstag, 04.08.2015: Stettin – Schwedt, 30 sm, 5:50 Std.

Ja, das war unser Segelurlaub. Was jetzt vor uns liegt ist jährlich wiederkehrende Routine, aber auch schön. Es ist hochsommerlich heiß. Haben wir zu früh Schluss gemacht? Aber wir haben ja Besuch zu Hause, auf den wir uns freuen. Wir fahren die Oder aufwärts und genießen die Landschaft, die Ruhe, das Grün in den vielen Nuancen. Das Dach der Kuchenbude schützt uns vor der intensiven Sonne, es sind mittags 34° C. Doch weil wir die Front des Sprayhoods hochgeklappt haben, kühlt uns der Fahrtwind.
Kurz vor zwei nähern wir uns dem Industriehafen von Schwedt. Da biegt von Schwedt kommend das Flusskreuzfahrtschiff „Saxonia“ um die Ecke. Das wird eng für uns. Ich gebe Gas, um in den Industriehafen auszuweichen. Doch plötzlich schiebt sich rückwärts ein Schubverband aus dem Hafen. Ich greife zum Signalhorn und presse alle Luft, die in mir ist, durch das Blech. Auf dem Schubschiff reagiert man, die Maschine stoppt und jemand bedeutet mir, dass ich hinter dem Heck durchfahren soll. Ich gestikuliere wild und zeige nach vorn. Der Jemand dreht sich um, stutzt und stürmt dann in den Steuerstand. Jetzt laufen beide Maschinen voll Kraft voraus. Ich komme noch hinter dem Heck vorbei, muss aber höllisch aufpassen, dass mich der Schraubenstrom nicht vor die „Saxonia“ drückt. Es geht noch mal alles gut. Wenig später sehe ich den Schubverband rückwärts aus dem Hafen fahren, um dann der „Saxonia“ zu folgen. Doch jetzt müssen wir unsere Aufmerksamkeit dem Anlegemanöver widmen. Wir finden einen passablen Platz mit ausreichender Tiefe neben einem Hamburger Motorboot. Es sind sehr nette, hilfsbereite Leute.
Uns zieht es in die schöne, saubere Dusche des Sportzentrums. Die Sonne hat viel Schweiß aus uns gesaugt. Am Nachmittag kommt die Familie mit dem Plattbodenschiff und macht neben uns fest. Kein Groll, wir unterhalten uns über das Wohin und Woher und über das Leben an Bord mit vier Kindern.
Wir spielen und lesen am Cockpittisch, bis uns die Dämmerung zum Aufhören zwingt. In diesem Moment steigt ein riesiger roter Ball am Horizont über die Deichkrone empor. Man könnte meinen, es ist Sonnenaufgang, es ist aber der Mond. Fasziniert und atemlos schauen wir dem Lichtspiel zu. So etwas haben wir bisher noch nie gesehen. Unglaublich und beinahe unwirklich stürzt die Stimmung auf uns ein. Da können wir nicht Schlafen gehen. Noch lange sitzen wir schweigend und in Gedanken versunken im Cockpit.

Mittwoch, 05.08.2015: Schwedt– Schleuse Lehnitz, 50 sm, 12:00 Std.

Wie auf dem Hinweg legen wir noch vor dem Frühstück ab. Dieses bereitet Renate, während ich am Ruder sitze. Frühstück unter blauem Himmel. Unser AIS warnt uns rechtzeitig vor entgegenkommenden Schubverbänden oder Kreuzfahrtschiffen, aber wir begegnen nur Enten.
In Hohensaaten warten wir 20 Minuten, in Niederfinow eine Stunde und in Lehnitz 40 Minuten. Aber das stört uns nicht. Um 20.00 Uhr fällt der Anker im Lehnitzsee. Das letzte Abendbrot an Bord, traditionell Bohnensuppe mit Würstchen, haben wir schon vor der Schleusung verspeist. So genießen wir den Sonnenuntergang und den letzten Rotwein.

Donnerstag., 06.08.2015: Lehnitz – Berlin, TSC, 15 sm, 3:00 Std.

Das ist heute kein Urlaubstag mehr, das ist organisiertes Ankommen. Ich übernehme das Ruder, bzw. die Aufsicht über die Selbststeueranlage und Renate packt. Als wir in die Malche einlaufen, ist sie fertig. Am Steg stehen Barbara und Benn mit einem Kuchen. Eine freudige Begrüßung im Club, ein bequemer Stuhl, ein Sonnenschirm und viel zu erzählen. Es war alles in allem ein ereignisreicher und schöner Törn. Wir sind gesund und ohne Schaden wieder im Heimathafen. Und ein ganz großes Dankeschön an Renate, die das alles mitgemacht und überhaupt erst möglich gemacht hat.

Peter Reckmann

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