The sun always shines on TV

Man stelle sich einen trockenen Donnerstagmittag auf einem Laser vor. Ausgang der Malche schweift der Blick über den See, man ist ganz alleine. Das Wasser ist mit 6.3°C zwar recht kalt, aber wofür gibt es Neopren. Und außerdem ist es ja noch Januar. Der Winter ist so mild, dass man schon in der Kalenderwoche 3 hätte abslippen können, was nicht nur den Regattakalender wunderbar entspannt, sondern auch sichergestellt hätte, dass alle Clubwettfahrten auf einem Samstag Platz gefunden hätten.

Das Jahr 2007 bietet wirklich viel Platz für solch angenehme Vorstellungen, wenn der trockene Donnerstag nicht gerade der vorletzte Januardonnerstag gewesen wäre. Denn an diesem Donnerstag machte Kyrill einen Stadtbummel in Berlin. Ab Mittag kam ein netter Wind auf, der sicherlich dazu geführt hätte, dass das Lasersegel einem Gleitschirm gleich sich und das darunter hängende Surfbrett mit Sitzmulde samt neoprenisiert verwundert dreinschauendem Segel-Recken in die Lüfte gehoben hätte und mit vernichtender Gleichgültigkeit die soeben beendeten Bemühungen, dem Pavillon du Lac eine neue Fassade zu geben, mit jeder Menge zersplittertem GFK und einem hässlichen Fettfleck zunichte gemacht hätte. Nein, wahrlich es war kein Tag für Segler, dieser Donnerstag.

Dennoch, für andere war es der Tag der Tage. Schon 48 Stunden zuvor wanderten die Wetter-Groupies Nicki und Kai rastlos über das TSC Gelände, um nochmals und nochmals die Wetterstation auf dem Mast des Kopfsteges zu überprüfen. Vor lauter Vorfreude wurden Wetten abgeschlossen, ob es dem Plastikhaufen gelingen würde, auf dem Mast zu bleiben, oder ob ein netter 12 Bft Puster das gute Stück herunterholt und sich somit die Außentemperatur zumindest kurzfristig der Wassertemperatur annähern würde. Die Darstellung dieses Phänomens wäre jedoch nur bedingt zu beobachten, da die Funkleistung der Sendeeinheit durch die windbedingt zwanghafte Positionierung unterhalb der Wasseroberfläche nicht nur aufgrund der ungünstigen Brechungseigenschaften der Grenzfläche zwischen Wasser und Luft beeinträchtigt würde, auch die fortschreitende Benetzung des Messelektronik durch den neuen Gastgeber der für den Einsatz in luftiger Höhe gedachten Einheit dürfte die mittlere, transferierte Datenrate in kürzester Zeit gegen Null absinken lassen. Und so hofften die beiden Starkwindpioniere auf eine stabile Verschraubung und schöne Messwerte. Die Datenbank war gewartet und das Java-Script reinitialisiert, es konnte losgehen. Pünktlich zum Wind wurde voller Freude der 20'000 Besucher auf der TSC Wetter Seite seit Juni 2006 begrüßt, welch ein Erfolg!

Kai nahm um 16 Uhr den letzten Zug aus Berlin heraus nach Weimar, kurz bevor der modernste Bahnhof eine Privatvorstellung der Einstürzenden Neubauten erhielt. Von dort aus betrachtete er das Geschehen via Internet gespannt: Der Wind hatte aufgefrischt, mit 6 Bft als Mittelwert brauste er über die Malche und traf die Wetterstation mit solcher Wucht, dass der Regensensor auslöste und eine ungeheure Regenmenge vorgaukelte. Kurz vor Mitternacht wurde mit 60 km/h, immerhin 7-8 Bft, das Maximum erreicht. Nun mag der geneigte Leser denken, dass 7-8 Bft ja wirklich nicht der Hammer sei. Och nee, da bindet man doch gerade mal das zweite Reff rein und dreht ein wenig an der hydraulisch betriebenen Fockrollanlage und widmet sich wieder dem Dosenbier. Und sowieso, insgesamt würde viel zu viel Wirbel um so ein laues Lüftchen gemacht. Schatz, nimm den Kopf aus dem Eimer und gib mir noch ein Bier! Doch eines bittet das Team der Wetterfreaks zu bedenken: Die Wetterstation sendet alle 5 Minuten ein Windsignal vom sturmschwankenden Turm an die Basisstation im Vorstandszimmer und dieses beschreibt eine Art Mittelwert. Nun ist es ja so, dass Mittelwerte die unangenehme Eigenschaft haben, die Wirklichkeit zu beschönigen. Man stelle sich hierzu folgenden Fall vor: Säße man mit einem Bein in einem Eimer voller Eiswürfelwasser und mit dem anderen in einem mit 80° C heißem Kamillentee, würde man dem Autor wohl durchaus zustimmen, dass die Situation geradezu dazu einladen würde, den Schemel zu verlassen, die Beine abzutrocknen und eine geeignete Lokalität wie z.B. den gastlichen Tresen der Fam. Girle aufzusuchen, um sich von Verbrennungen und Erfrierungen (und natürlich dem Kamillengestank) mit ein paar BPH und Mampe adäquat zu erholen. Doch der Statistiker würde sich fragen, wo das Problem sei, denn im Mittel gehe es einem doch gut, schließlich sei der Mittelwert mit 40°C nur wenig über Körpertemperatur und lauwarmer Kamillentee gut für die Bronchien.

Und ebenso verhält es sich auch mit dem Windmittelwert. Im allgemeinen, und um die Statistik noch weiter zu strapazieren, kann man aus der Verteilung der Winddaten des jeweiligen Zeitraumes ableiten, dass die Mittelwerte in einer Spanne von etwa 30% des Stundenmittelwertes schwanken. Eine Gauß'sche Normalverteilung angenommen kann also eine Verteilungsbreite Sigma der sekundenbezogenen Einzelwerte im Bereich von +- 30% um den jeweiligen 5 Minuten Mittelwert angenommen werden. Laut den einschlägigen mathematischen Grundlagen der speziellen Statistik liegen 99.9% aller Windwerte in einer Spanne von 6 Sigma um diesen Mittelwert. Für den Maximalwert von 60 km/h heißt das, dass in diesen 5 min. Windböen von ca. 40 bis 100 km/h (11 Bft) angenommen werden können. Alles klar? Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast... Ein Blick auf die Böengrafik bei WinD.de bestätigt diese Überlegung: Dort wird für die fragliche Zeit eine maximale Böengeschwindigkeit von 12 Bft ausgewiesen.

Wow, bedanken wir uns bei Herrn Borsig, der seine schicke Villa mit einem netten Wald umgeben hat, um in ihm seine Mätressen, äh Häschen, zu jagen. Die Bäume haben den Wind gebremst und dafür gesorgt, dass unsere Schiffe keine Landeerlaubnis beantragen mussten.

Breit strahlend freuten sich die TSC-Wetterfrösche über die aufgezeichneten Daten. Und über die Seitenzugriffe, denn in den letzten 5 Tagen konnten über 3500 Zugriffe registriert werden, welch ein Rekord. Nur eines verwundert: Vom ganzen Wind durchgeschüttelt, scheint der Sonnensensor noch etwas auf Droge zu sein. Es ist noch nicht ganz klar, wie und was er geraucht hat, aber es scheint, dass er vor lauter Freude über den überstandenen Wind etwas zuviel davon hatte, schließlich meldet er seit Montag Abend Sonne und bestes Wetter. Leider auch nachdem die Sonne auf ihrer astronomisch präziser Bahn den Horizont schon lange passiert hat. Die Wetterfreaks arbeiten schon an einer massiven Entziehungskur, doch wollen sie natürlich den armen Sensor nicht zu sehr unter Stress setzen, denn schon jetzt hört man es ganz leise, wenn man unten auf dem Kopfsteg am Flaggenmast steht: "The sun always shines on TV...".

Kai Jürgens

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