Der Fahrtensegler bei den Piirraaadeen

Eigentlich ist man ja zu alt für solche Sachen. Man steht doch mitten im Leben und führt ein ebenso geregeltes wie durchgeplantes. Raum für spontane Ideen bleibt wenig und eingentlich ist das auch ganz gut so. Doch eigentlich ist eigentlich auch langweilig und uneigentlich kann man ja auch bei einer spontanen Idee mal "Ja" sagen und sich auf etwas einlassen. Und so sagte ich "Ja", als mich Jessi am Dienstag abend auf Marcs Geburtstag spontan fragte, ob ich am kommenden Wochenende mit ihr auf einen Piraten steigen wollte, um an der Fallbeil-Regatta des JSC teilzunehmen.

Skeptisch war ich schon: Mal abgesehen von geringen organisatorischen Feinheiten (wir hatten keinen Piraten und auch keinen Baum im Garten, an dem solche Dinger wachsen), kam eine gesunde Portion Respekt dazu. Sicher, ich bin schon auf kleinen Booten gesegelt, kleiner als meine Kühlschrankttür mit Sitzmulde geht es ja kaum, aber auf der fühle ich mich wohl. Die Zahl der Schoten und Strecken sind mit exakt 4 Stück wunderbar überschaubar und wenn man 3 Stück davon nicht bedient, passiert auch nicht viel. Im Geiste stellte ich mir jetzt einen Piraten vor, so wie beim Preis der Malche schon oft gesehen: Der Reitbalken ist übersäht mit Klemmen und bunte Strippen durchziehen den Vorschiffsbereich wie Autobahnen das Ruhrgebiet. Und das da vorne wäre mein Platz, ohhauerha. Und dazu noch Spi fahren, och nee. Klar, ich bin durch Bommels Spi-Schule gegangen und wurde von Holger gedrillt, doch H- und IF-Boote sind halt was anderes (insb. größer!) und außerdem teilt man sich die Manöver mit einem Dritten, der vorne rumturnt und somit die eigene Gefahr, das nasse Element aufzusuchen signifikant reduziert. Meine Bedenken standen mir also ins Gesicht geschrieben und es bedurfte Jessis ganze Verführungs- und Überzeugungskünste, dass sie mich zu diesem Unterfangen bringen konnte. Aber glücklicherweise hat sie ja dovon mehr als ausreichend, so dass ich am Freitag abend nach der Klubwettfahrt in den TSV fuhr, um den geliehenen Piraten abzuholen.

Das Boot fand ich vor, doch leider dauerte die Suche nach den unbedeutenden Kleinteilen etwas, so dass wir schon Angst hatten, im Dunkeln zurückzukehren. Doch schließlich waren die Segel gefunden und irgendwas, was wie ein Spibaum aussah, lag ebenfalls im Boot. Zurück im TSC runzelte Nicki die Stirn. Irgendwie stimmte was mit dem Format des Spibaums nicht. Der Vergleich mit einem Originalteil der Helms-Brothers zeigte durchaus interessante Unterschiede, insbesondere in der Länge und dem Durchmesser. "470iger!", meinte Nicki, "Schade Kai... Kannst ja meinen nehmen." Achja, Nicki hat ja einen Piraten und schnell war nicht nur der Baum sondern gleich der ganze "Bammel" drumrum geliehen, schließlich lag das Schiff voll aufgeriggt auf dem Slipwagen und ersparte mir eine nächtliche Leinensuche
im Schuppen.

Eigentlich wollten wir am Samstagmorgen schon sehr früh auf dem Wasser sein, um die Manöver zu üben. Aber Rigg- und Trimmarbeiten ließen uns dann doch erst kurz vor dem Start vor der Liebesinsel erscheinen. Frohen Mutessteuerte Jessi die Linie an, mir war etwas flau im Magen und nervös war ich auch. Der Start klappte leidlich, auf der Kreuz war es die falsche Seite und irgendwie lief der Kahn nicht. Dazu kamen widerliche Winddreher, die ja bekannter Maßen und wie in vielen Seglerausreden permanent bestätigt, immer aus der falschen Richtung kommen. Ich bin sicher, würde man die nach einer Wettfahrt berichteten Winddreher in Zahl, Richtung und Stärke summieren, käme man zu dem Ergebnis, dass sich auf unserer betauten Wiese aus wetterphysikalischen Gründen eine Windhose hätte bilden müssen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgereicht hätte, um einen mittleren Flurschaden hervorzurufen, zumindest aber den Gästen des Touluse das Gourmetieren zu verderben.

Der erste Spigang stand an, also Spi hoch, Baum gesucht, Baum gefunden, Baum gepickt, Schot gesucht, Schot gefunden, eingepickt, Schoten übernommen und Spi steht. Aus dem Fond des Bootes kam die durchaus hilfreiche Bemerkung, dass die Geschwindigkeit des Spisetzens durchaus einen Einfluss
auf die Platzierung des Bootes bei einer Wettfahrt hätte. Ich konnte diesen Zusammenhang hautnah erkennen, schließlich waren wir fast das letzte Boot. Von hinten kamen 70 O-Jolle angerast, gleich würde es von Abwinden nur so wimmeln. An der Halsentonne fehlte mir der dritte Mann. Schon beim Ausklinken der Spi-Luv-Schot kam der Großbaum über, so dass ich mich massiv in meiner Köpergröße verkleinern musste, um entweder eine schmerzhafte Begegnung der Alu-Art oder einem rettenden Hechtsprung in das zwar noch warme aber doch für die Weiterfahrt durchaus hinderliche umgebene Naß zu vermeiden. Also entspannte mein Kleinhirn spontan alle körperstützenden Muskelpartien und ich rutsche irgendwie zwischen Baum und Schwertkasten durch. Japsend fingerte ich die Schot wieder in den Baum und stellte den Spi. So eine Hektik. Aus dem Fond erklärte mir die ruhige Stimme, dass auch die Geschwindigkeit der Halse durchaus mit der Position im Feld korreliert. Recht hat sie. Die nächste Kreuz zeigte uns beiden dann, warum Segler einer Bootsklasse mit viel Erfahrung oftmals weiter vorne segeln, und Neulinge weiter hinten. Wir als Piraten-Azubis jedenfalls bekamen den Kahn einfach nicht zum Laufen und überlegten, ob es nicht sinnvoll wäre in regelmäßigen Abständen, so etwa ein mal pro Minute, eine per Zufall ausgewählte bunte Strippe mal zu ziehen und dann wieder zu lösen. Sollte per statistischer Berechnung mehr bringen, als was gerade lief. Wir beendeten die Wettfahrt somit als vorletzte.

Im zweiten Durchgang gelang uns ein guter Start, an der ersten Tonne waren wir im Mittelfeld. Allerdings ging die Spihalse nicht so glatt ab. Wieder überrascht vom Großbaum und dem kleinhirngesteuerten Verlust des Muskeltonus, tauchte ich auf Luv wieder auf, grabbelte am Mast, der Baum war weg. Er schwamm etwa zwei Längen achteraus. Der Fond dozierte, dass auch solche Dinge sich nicht so ganz positiv auf eine Platzierung auswirkten und akzeptiere nur bedingt die Entschuldigung, dass ein offenere
Karabiner mir in die Quere gekommen sei, die Wettfahrt zu gewinnen. Platzierung, na, was hatten wir schon zu verlieren, schließlich war das Feld wieder entfleucht und die Abwinde der O-Jollen freuten sich schon auf ein neues Opfer. Wieder als Vorletzter beendeten wir den Kurs. Poldi hatte mit uns ein Einsehen und schickte uns danach zur Schuppenfete, die für so manchen blauen Fleck entschädigte und die Wahrscheinlichkeit einer Platzierungsverbesserung am nächsten Tag zwar reduzierte, aber die Chancen waren für alle gleich.

Leicht verkatert riggten wir am Sonnatg, der See empfing uns mit einem schwankenden Wind; und das nicht nur in Richtung, sondern auch in Stärke. Fünf Minuten Böe aus SO dann fünf Minuten Flaute dann wieder fünf Minuten Böe aus S. Poldi schickte uns zwar dreimal auf die Reise, doch der längste Ausflug waren zwei Schenkel und so blieb mir ein erneuter Verlust der Körperspannung erspart. Vielmehr habe ich die Zeit genutzt, um die 150 schmerzhaftesten Liege- und Sitzpositionen in einem Piraten zu suchen, zu finden und ausgiebig auszuprobieren.

Eines gebe ich gerne zu, der Pirat ist zwar nicht mein Boot, aber die Kameradschaft der Piraten und Seeräuber und Freibeuter ist richtig nett. Und herausfordernd und spannend ist die Klasse erst recht. Ich denke, mit etwas mehr Übung und noch ein paar mehr Tipps aus dem Fond kann ich mir durchaus gut vorstellen, das Enterbeil erneut zwischen die Zähne zu nehmen und den Kahn so über den See zu prügeln, dass von allen Tretbooten der Ruf ertönt: "Hiiilfee, Piiirraaaadeen!!"

Kai Jürgens

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