Hurra, Hurra, das Eis ist da!

Wir leben in einer Zeit der globalen Erwärmung hört man an allen Ecken und Enden. Gewichtig und ernst drein schauende Forscher in weißen Kitteln, Politiker in selbstgehäkelten Unterhosen aus Ökoflachs und Werbestrategen mit 16:9 Breitbandgrinsen versuchen uns weiß zu machen, dass wir unser Leben vollständig umkrempeln müssen, um den Klimawahnsinn zu stoppen. Ich bin da mitten dabei! Ich dämme alles, bis ich keinen Platz mehr in den Zimmern vor lauter dicker Wände habe, lüfte nicht mehr, bis der Sauerstoffgehalt im Schlafzimmer bedrohlich abgesunken ist und die letzte aerobe linksdrehende Milchsäurebakterie dahingesiecht ist und Platz machte für einen anaeroben Fußpilz. Ich verwende keinen Haarspray mehr, auch keinen FCKW-freien, schließlich kann man ja nie wissen und helfen tut es bei meiner "Frisur" eh nicht.

Vorbildlich fahre ich mit dem Berliner ÖPNV; schließlich gibt das einem viel, seien es nun die neusten Rap-Hits aus einem viel zu lauten iPod, Kaugummireste am Hosenhintern oder die Influenza-Viren des Sitznachbarn. Auch meine CO2 Bilanz lässt sich sehen, wenn ich den Rasen etwas weniger mähe und so mehr Grün für die Photosynthese bereitstelle. Daneben bin ich ja Langstreckenläufer, will sagen ich komme von A nach B mit Curry-Wurst-Pommes-Treibstoff. Und Segeln, so ganz ohne Motor und so, ist in diesem Zusammenhang eh klasse. Fehlt nur noch, dass ich im Sommer den Kühlschrank offen lasse...

Doch warum das ganze, diese ökologisch-dogmatische Selbstkasteiung? Um ehrlich zu sein, der Grund ist ganz egoistisch und hat wenig mit einer ganzheitlich nachhaltigen Weltanschauung zu tun: Denn ich will Eis! Eis auf dem See! Endlich wieder Eissegeln, mit irrer Geschwindigkeit zwischen Südufer und Forsthaus... Und das geht halt nicht bei globaler Erwärmung. Also kurz gesagt: Energiesparen für das private Wintervergnügen.

Und es scheint ja zu klappen, schließlich sank die Außentemperatur pünktlich nach der Weihnachtsreise unter die magische 0°C Marke und blieb dort auch. Und so konnte ich beglückt Tag für Tag auf der TSC-WebCam zusehen, wie sich die Eiskante langsam auf den See schob. Erst war es nur der Hafen, dann schon der CNFT und schließlich das 5km Schild, die Eisgrenze wanderte. Doch plötzlich stieg die Temperatur wieder, Schnee begann zu fallen. Waren alle meine Bemühungen umsonst, all die Kilometer auf dem Fahrrad vergebens. Hätte ich doch lieber den bequemen 190E von Opa genommen, als mich abzustrampeln! Wieder kein Eis?

Aber nein, es waren lediglich 24h und schon wuchs die Decke wieder. Gespannt schaute ich auf die Wetterkarte. Die bedrückte Kachelmann-Miene treib mir das Grinsen ins Gesicht: -15°C in der nächsten Nacht, super!! Doch halt, wird es nicht, ein kurzer Blick ins Internet, ja es wird, es wird ein neuer Kälterekord für die Wetterstation. Aber stopp mal, die Station hängt! Keine Datenerfassung! Die Batterien, die das Ding veranlassen brav vom Mast zu funken, versagen bei so niedrigen Temperaturen. So geht's nicht, wir müssen handeln. Nicki hat es auch bemerkt. Schnell ist klar: Eine solche historisch tiefe Temperatur muss aufgezeichnet werden. Wir treffen uns bei schon -10°C und finsterer Dunkelheit um 18 Uhr vor dem Club. Mit grimmigen Gesichtern, von der Kälte gezeichnet, Stuhl und 13er-Maulschlüssel geschultert schreiten wir auf den Steg. Der Mast wird gelegt, die Batterien gewechselt und die Station wieder in Betrieb genommen. Durchgefroren sehen wir schon -11°C.

Wo mag das hinführen? Inzwischen sind schon 3 Nächte mit weniger als -15°C durchs Land gegangen. Und wenn auch viele die Kälte verfluchen, weil sie Stunden in Tegel auf die S-Bahn warten, die Autoscheiben beim Fahren einfrieren und der einzig warme Ort im Haus die Mirkowelle scheint, wir freuen uns. Wir haben schon 13cm Eis und Sonntag ist Eisschlittentaufe. Allerdings mit heißem Glühwein, den mag mir meine Ökobilanz verzeihen.

Kai Jürgens

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