Geschenke für einen Club

Ich denke, jeder von uns kann sich noch sehr gut an die Zeit zurückentsinnen, als er, bzw. politisch korrekt auch sie, so gerade eine Handbreit höher als der viel beschworene Dackel war und auf genau zwei Tage im Jahr immer panisch hingefiebert hat. Das eine war Weihnachten und das andere der eigene Geburtstag. Denn an diesen Tagen gab es die Geschenke. Weihnachten war in diesem Zusammenhang zwar schon richtig klasse und brachte ja auch immer eine Menge ein, man denke nur an Lego, welches zu solchen Veranstaltungen in Kubikmetern gerechnet wurden.

Aber Weihnachten bekamen ja alle was, es herrschte ein kollektiver Geschenkeerhaltungszustand; und leider auch, und das war gerade für einen 5-jährigen mit beschränkten grobmotorischen Fähigkeiten im Sternebasteln und Kalenderkleben eine albtraumhafte Herausforderung, ein allgemeiner Verschenkezwang, besonders unausweichlich im Bereich Großeltern. Also, Weihnachten doof!, wie schön ist da der eigene Geburtstag: Die gesamte Familien- und Freundschaftshorde macht einem die Aufwartung, kommt mit langwierig aus heißgelaufenen Hirnwindungen und mit letzter Kraft den Fantasiewindungen abgerungenen Geschenkeideen daher. Die ganze Bagasche gibt sich für 24h eine Höllenmühe, einem dass Gefühl zu geben, dass man das wichtigste Wesen im gesamten Universum, na gut, zumindest in dieser Galaxie, ok, auf diesem Planeten, ja gut, in diesem Landkreis, alles klar, in diesem Wohnzimmer, ist. Man ist halt die Festsau und das ist man an diesem Tag alleine und keiner sonst und also bekommt man dann auch alle Geschenke, super. Nun guckt man nicht so neidisch. Ja, Geburtstag ist toll. Und wenn man dann noch ordentlich feiert, wird es erst so richtig schön.

Und dass nicht nur kleine Dreikäsehochs mit einem unbändigen Verlangen nach Geschenken und einer pathologischen Lego-Sucht, Geburtstag haben können, sonder auch ganze Institutionen, zeigt sich jedes Jahr im Frühjahr, wenn der TSC Geburtstag hat. Sicher, so ein Geburtstag läuft anders ab, denn beim Topfschlagen könnte der Club wohl nicht viel gewinnen und eine Kaffeetafel mit Oma und Opa ist ebenfalls schwierig, doch das mit dem Feiern, das klappt schon ganz gut. Und so wird jedes Jahr das Stiftungsfest gefeiert und all die Kameraden kommen fein rausgeputzt und gratulieren und trinken auf den Club. Nur das mit den Geschenken ist halt schwierig, was soll man denn so einem Club auch schenken? Er hat doch eigentlich schon alles: ein Grundstück mit Seeblick, einen schönen Schuppen mit Dusche, einen netten Vorplatz mit integriertem Stander, zwei wunderhübsche Stege, sogar mit Schiffen, Wasser und Strom, ein paar wenige Bäume, viele nette und aufopferungsvolle Kameraden und ein eigenes Haus mit Keller und gutem Essen. Was will man als Club denn mehr?! Und so beschränkten sich die Geschenke in den letzten Jahren denn auf einen festlich geschmückten Saal.

Saal, Saal, naja, da muss man ja eine Menge schmücken, der ist schon ziemlich oll (wie der Berliner sagt). Und so kamen die Kameraden drauf dem Club 2007 mal ein ganz besonderes Geschenk zu machen: einen neuen Saal. Lange schon war dieser Gedanke in der Mitgliederversammlung unterwegs. Zunächst zurückgestellt, denn vor einigen Jahren hatte man dem Club ja ein Grundstück geschenkt und das zerrte noch an den finanziellen Nerven, gärte diese Idee in den Köpfen der Kameraden und nahm in den letzten zwei Jahren dann konkrete Formen an. Sicher, man kann nicht alles alleine machen und so sicherte man sich bei Tante Berlin einen Zuschuss. Und wie alte, manchmal etwas senile und langsame Tanten so sind, musste man drei- bis dreiundzwanigmal bitte, bitte machen und oftmals mit ihr Kaffeetrinken, bis der Deal stand.

Dann kam aber Leben in den Plan. Hanne ließ den Stift kreisen und skizzierte einen Saal, der unserem Club angemessen sein soll: Ein heller großer Raum, mit einer beleuchteten Decke, einem Primaklima durch eine integrierte Belüftung und mit moderner Multimediaanlage.

Kaum war das Stiftungsfest zu Ende, wurde das Geschenk überreicht: Mit Hammer, Meißel und Stemmeisen. Gemeinsam ging man ans Werk und entfernte die Wandverkleidung. Holz flog in hohem Bogen durch die Fenster in den Vorgarten. Staub breitete sich aus, als die Deckenpanele sich nur unwillig in ein fenstergängiges Format modifizieren ließ, um dem Weg der Wandverkleidung zu folgen. Nachdem sich der erste Nebel gelichtete hatte, machte sich Ernüchterung breit: Die Putzdecke sah nicht so aus, als würde sie es noch lange machen, überall zeigten sich Risse und offene Stellen. Schnell wurde klar, dass auch diese zügist den Vorgarten bzw. einen Schuttcontainer bevölkern sollte. Doch so einfach war es nicht, schließlich wurde das gute Stück in den 50ern angelegt und zwar so, wie man es damals machte: für immer und ewig... Auf eine Holzunterverschalung wurden Strohmatten mit sehr, sehr vielen Nägeln aufgebracht, die man anschließend mit feinem Gipsputz verputz hat. Der Gipsputz war innerhalb der letzten 60 Jahre gut abgetrocknet, ja war sogar in den Zustand "sehr staubtrocken" übergegangen, was man merkte, als man ihn dazu überredete, sein Domizil in luftiger Höhe aufzugeben und eine letzte Containerreise anzutreten. Trotz geöffneter Fenster und durchaus typischen Winden um die 3 Bft aus NW war die Staubwolke so dicht, dass man kaum erkennen konnte, wer gerade versuchte, seine Überredungskünste an Gipsputz und Strohmatte auszulassen. Und so wurde aus dem schnieken, blauen Wasserschutzpolizist, Guido der graue Panther. Es war ein Donnerstag, als der Schutt das Haus verließ und es war gut, dass der Wirt nicht da war. Freitag war das Chaos größtenteils gelichtet und Gerlinde war auch fast fertig mit Gläserspülen. Der Gipsstaub hatte sich in nahezu unerreichbare Ecken zurückgezogen, wie zum Beispiel in die Lüfter des Wetterstationsrechner und die Musikanlage. Man konnte wieder durch den Saal sehen und auch erkennen, wer am anderen Ende winkte und die Nägel aus dem Holz zog.

Das folgende Wochenende ließ dann einen ganzen Haufen TSCer an die Decke gehen: Rigipsplatten wurden angeschraubt und verspachtelt. Zudem wurde die Heizung wieder in Betrieb genommen, die zwischenzeitlich entleert wurde, um einige Rohre in ihrer Lage zu verändern. Nach einem kurzen, hieraus resultierenden unbeabsichtigten Wassereinbruch, der aus dem Kinderzimmer den größten Duschkopf in Tegel machte, wurde es endlich auch bei Girles wieder warm. Auch außen hübschte sich der Club auf, indem zum Beispiel endlich die alte Saalentlüftung, die in einer Art hölzernem Dixiklo vor dem Giebel thronte, ersatzlos gestrichen und mit zahnärztlicher Präzision dem Boden platt gemacht wurde. Das entstandene Loch wurde nicht als Teil einer Passivbelüftung aufgewertet, sondern mit einer dem TSC eigenen Perfektion verschlossen, verstopft und bemalt.

Innen sah der Saal nun schon fast wieder nett aus und lud beinahe zum Feiern ein, doch plötzlich lagen ganz viele Alu-Profile auf dem Boden und machten jede Walzerdrehung zu einem Fall für den Betriebsarzt und die Berufsgenossenschaft. Die Profile wurden an die Außenwände angebracht und bildeten schon bald Kassetten, in die Dämmwolle eingebracht wurde. Nachdem alles schön verstopft war, kam eine ziemlich hässliche gelbe Folie davor, die den Dampf sperren und somit den Tegeler Winterwind von der alljährlichen Sylvesterfeier ausschließen sollte. Während man an der Fensterfront schon begann darauf eine weitere Lage Rigips zu schrauben, wurden an der Giebelseite erneut Ständer aufgebaut und vor die Folie gestellt. Diese bildeten im Fußbodenbereich Kassetten, durch die später die Zuluft in den Saal geführt werden soll. Eine ähnliche Konstruktion wurde auch an der Wand zur Schifferstube hin unternommen. Hier wurde zunächst ein Damenfenster geöffnet, indem die alte Vitrine entfernt wurde und somit den Blick auf die Pissoirs des Herrenklos freigab. Doch nur kurz durften die wenigen anwesenden Damen den ungewohnten Anblick genießen (übrigens auch den betörenden Duft), bevor eine Rigipsplatte die männliche Ungestörtheit wieder herstellte.

Plötzlich besann man sich, dass ein Segelclub ja was mit Wind, Wetter und vor allem mit Schiffen zu tun hatte. Kurzerhand wurde der Hammer gegen das Anlegeende getauscht und der Akkuschrauber gegen Pinnenverlängerung. In aller Eile war die Schiene frei. Der Club nahm die wenigen Stunden der relativen Ruhe gelassen und freute sich, als das Ständerwerk vor der Querwand schon recht deutlich zeigte, wo die neue Vitrine und der Medienschrank aufgestellt werden sollte.

Medienschrank, ach ja: An einem Freitag Nachmittag war mitten im März Weihnachten, als die beiden Mediafreaks Nicki und Kai einen riesigen Berg aus Paketen von verschiedensten Elektroshops auspackten. Kabel an die 2 Kilometer Länge, jede Menge Bauteile, Schalter, Stecker, Buchsen und Bedienungsanleitungen bevölkerten die Veranda. Ziel der nächsten Tage war es, die Haupt- und Fürstenterrasse mit Lautsprechern auszustatten und Netzwerkleitungen in das Jugendbüro zu verlegen. Dazu wurde ein graues Wellrohr ums Haus gezogen und mit den entsprechenden Leitungen vollgestopft. Und tatsächlich, am Sonntag Abend lugten die ersten Megabit im Netzwerk um die Ecke und auf der Terrasse ließen die Red Hot Chilli Peppers die Testgäste vor Erfurcht und mit mittlerem Gehörschaden verstummen und einen kleinen französischen Ex-DJ vor Freude breit grinsen.

Mit diesem Soundcheck wurde die erste Bauphase beendet. In den nächsten Tagen werden die Handwerker das Panel betreten und Elektroleitungen, Lüftungsschächte und die Decke einbringen. Uns bleibt daher Zeit, die Schiffe zum Slippen klar zu machen und die Blasen, Lötzinnaugen, durchbohrten Hände und Füße sowie die staubigen Lungen zu kurieren. Aber was bei einem Projekt einzig zählt, ist ja bekanntermaßen das Projekt.

Für den Club ist es eine aufregende Zeit, hoffentlich gefällt ihm unser Geschenk!

Kai Jürgens

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